Bundeswehr-SkandalGewaltrituale und Sexismus bei den Fallschirmjägern
Gewaltrituale, Sexismus und Rechtsextremismus. Vorfälle bei den Fallschirmjägern in Zweibrücken erschüttern die Bundeswehr. 55 Personen sind derzeit beschuldigt. Warum kommt es immer wieder zu solchen Vorfällen bei der Bundeswehr?
Die Fallschirmjäger sind eine Elitetruppe der Bundeswehr. In Zweibrücken ist das Regiment 26 stationiert. Es zählt rund 1800 Soldat*innen. Überwiegend gehören zur Einheit Männer. Der Frauenanteil beträgt etwa fünf Prozent.
In der Kaserne in Zweibrücken soll Kokain konsumiert worden sein. Es soll eine Art Nazi-Clique gegeben haben, die sich mit rechtsextremen Parolen begrüßte und es soll martialische Rituale gegeben haben. Zum Beispiel sollen sich Soldaten ihre Anstecknadeln in die Brust gerammt haben. Außerdem soll es Mobbing sowie sexualisierter Gewalt gegenüber Soldatinnen gegeben haben.
Es geht um mehr als 200 Delikte. 55 Soldaten sind beschuldigt.
Rechtsextreme Parolen, Mobbing, sexualisierte Gewalt
Die Journalistin Rahel Golub von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat mit ihrem Kollegen Peter Carstens über Monate hinweg zu den Vorwürfen recherchiert. Eine betroffene Soldatin hatte sich an sie gewandt.
"Am schockierendsten fand ich diese Masse an Vorfällen. Es wird jetzt auch öfter gerne mal gesagt, das wären einzelne Vorfälle gewesen. Das Gefühl hatte ich nicht."
Die Soldatin will anonym bleiben. In dem Artikel heißt sie deshalb Frieda Krüger. Sie erzählt, dass es meldepflichtige Vorfälle bei der Bundeswehr gab und ermittelt wird. "Aber sie hatte irgendwie nicht das Gefühl, dass da so viel passiert ist", sagt Rahel Golub. Außerdem will Frieda Krüger, dass sich die Situation für Frauen im Fallschirmjägerregiment verbessert, dass sich wirklich etwas ändert. Deshalb wendet sie sich an die Presse.
Überrascht war Rahel Golub von der Masse an Vorfällen. Frieda Krüger erzählte, dass sie zum Beispiel regelmäßig von Vorgesetzten angebaggert worden sei. Regelmäßig musste sie "Vergewaltigungswitze" ertragen. Zum Beispiel Drohungen wie: "Nein heißt Ja, und Ja heißt anal."
Es sind keine Einzelfälle
Im Frühjahr 2025 macht Frieda Krüger die erste Meldung, da gehört sie seit anderthalb Jahren dem Regiment an. Sie spricht mit der Gleichstellungsvertrauensfrau. "Da ist ihr dann erst so alles klar geworden, was sie alles erlebt hat und dass das auch Straftaten sind", sagt Rahel Golub. "Und dass sie Rechte hat und dass man auch für diese Rechte einstehen kann."
Weitere Soldatinnen des Regiments melden sich.
"Generell ist es wohl so, dass da eine Kultur herrscht, wo gesagt wird, man soll möglichst nichts melden, weil es der Kameradschaft schadet."
Ihr Mut wird nicht belohnt. Direkte Konsequenzen gibt es nicht. Vielmehr, so Rahel Golub, wird Frieda Krüger im Regiment als "Kameradenschwein" bezeichnet.
Die Bundeswehr ist ein Spiegel der Gesellschaft, aber ...
Der Soziologe und Sozialpsychologe Rolf Pohl beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Männlichkeitsbildern, auch im Militär. Er sieht hinter den mutmaßlichen Straftaten strukturelle Probleme.
"Hauptsächlich liegt es daran, dass das Militär nach wie vor männlich dominiert ist", sagt Rolf Pohl. Es gelten Bilder einer kriegerischen Männlichkeit, in denen klassische männliche Tugenden wie Treue, Ehre, Stärke, Überlegenheit und Macht sehr stark kombiniert würden.
"Das ist eine ganz bestimmte Form von kriegsbereiter Gruppenmännlichkeit, die gewaltbereit ist und die einen starken Korpsgeist entwickelt, weil jeder sich aufeinander verlassen muss."
Bei Eliteeinheiten sei der Druck, dieses kriegerische Männlichkeitsideal zu pflegen, zu unterstützen und zu stärken, offensichtlich größer, so Rolf Pohl. Auch weil die Belastung höher ist als in anderen Bundeswehreinheiten.
Ein kriegerisches Selbstbild mit frauenfeindlichen Anteilen
Die Bundeswehr sei ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der es ebenfalls Sexismus und sexualisierte Gewalt gibt, so Rolf Pohl.
Aber er macht einen entscheidenden Unterschied aus: "Im Militär wird eine soldatische Gruppenmännlichkeit entwickelt und ausgeprägt, die insbesondere nicht nur abwehr- und kampfbereit, sondern tötungsbereit sein soll. Und auch die Bereitschaft haben soll, sich töten zu lassen. Das verstärkt den Druck auf dieses kriegerische Selbstbild und damit auch auf die frauenfeindlichen und weiblichkeitsabwehrenden Anteile der Männlichkeit, die hier entwickelt wird."
Die Soldatin, die Meldung machte, hat die Bundeswehr verlassen
Die Soldatin Frieda Krüger hat mittlerweile die Bundeswehr verlassen. Der Druck sei zu hoch gewesen, sagt Rahel Golub.
In Zweibrücken gab es erste Konsequenzen: Neun Beschuldigte wurden bereits entlassen, in mehr als zwölf Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Aufklärung geht weiter.