CDU-AntragMehr arbeiten, weniger Teilzeit – hilft das wirklich?

Die CDU will den Anspruch auf Teilzeit kippen. Weniger arbeiten nur noch mit "gutem Grund"? Wir unboxen, was hinter dem Vorstoß steckt – und ob mehr Druck wirklich gegen den Fachkräftemangel hilft.

Wenn mehr Menschen in Vollzeit arbeiten würden, könnte das für die deutsche Wirtschaft durchaus von Vorteil sein. Denn die Kosten für Teilzeitstellen sind für Arbeitgeber oft ähnlich hoch wie für Vollzeitstellen. Obendrein ist der organisatorische Aufwand meist deutlich höher. Das verursacht zusätzliche Kosten, sagt die Unternehmerin Maren, die als Gründerin eine eigene Firma führt, aber auch Human-Resources-Aufgaben für andere Firmen übernimmt. Ihr persönlich ist ein flexibles Arbeitszeitmodell jedoch auch wichtig, um ihre Aufgaben bewältigen zu können.

"Dieses Gewettere auf "die Leute sind so viel krank" und wir sind faul und mit Work-Life-Balance schaffen wir das nicht. Das ist alles Blödsinn."
Franziska, Krankenschwester in Teilzeit

Die CDU hat bei ihrem Vorstoß für mehr Vollzeit den Begriff "Lifestyle-Teilzeit" verwendet. Und das verärgert all diejenigen, die gute Gründe dafür haben, dass sie nicht in Vollzeit arbeiten.

Manchmal fehlt es etwa es an Angeboten für Kinderbetreuung, es gibt Menschen, die – neben der Arbeit – Familienangehörige betreuen oder die Hauptlast der Care-Arbeit übernehmen. Und wieder andere Menschen haben eine Job, der mental und/oder körperlich so belastend ist, dass ein höheres Arbeitspensum gar nicht zu bewältigen wäre.

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Derzeit gibt es das gesetzlich verankerte Recht auf Teilzeit. Und zwar dann, wenn jemand seit mindestens einem halben Jahr bei einem Unternehmen beschäftigt ist und wenn der Betrieb mehr als 15 Beschäftigte hat. Dann können Angestellte einen Antrag auf Teilzeit einreichen. Diesen Wunsch müssen sie drei Monate vorher ankündigen. Und der Arbeitgeber darf nur dann ablehnen, wenn es wichtige betriebliche Gründe gibt, die dagegensprechen. Zum Beispiel, wenn dadurch Produktionsabläufe gestört werden würden.

Die CDU will nun diesen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit abschaffen. Auf dem Parteitag im Februar soll darüber abgestimmt werden, ob eine Gesetzesänderung beantragt wird.

Das Ziel der CDU: Nur ein "guter Grund", wie beispielsweise Betreuung von Angehörigen oder eine Weiterbildung, sollen es Einzelnen ermöglichen, dass sie in Teilzeit arbeiten dürfen. Wer darüber hinaus trotzdem in Teilzeit arbeiten möchte, soll dann keine Sozialleistungen wie Kinderzuschlag, Wohngeld oder Grundsicherung erhalten.

"Mit Work-Life-Balance und 4-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand des Landes in Zukunft nicht erhalten."
Friedrich Merz, Bundeskanzler

Dass dieser Plan gar nichts mit den Realitäten des Alltags zu tun hat, findet beispielsweise die Krankenschwester Franziska. Ohne die Unterstützung ihrer Mutter und ihrer Schwiegermutter bei der Kinderbetreuung wäre es ihr noch nicht einmal möglich gewesen, ihre Frühschicht im Krankenhaus anzutreten. Um 5:20 Uhr stand entweder ihre Mutter oder Schwiegermutter vor ihrer Türe, um sich um die beiden Kinder zu kümmern.

Viele Oppositionspolitiker kritisieren den Vorschlag als unrealistisch oder sehen darin den falschen Ansatz. Aber auch einige Koalitionspolitiker haben Kritik geäußert. Der Gegenvorschlag: Mehr und bessere Angebote für Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeitmodelle. Besonders Jan van Aken von den Linken kann seine Empörung über den Begriff "Lifestyle-Teilzeit" nicht zurückhalten.

"Es ist eine Unverschämtheit zu sagen "Lifestyle-Teilzeit", die haben überhaupt keine Ahnung, wie es den Menschen geht."
Jan van Aken, Co-Vorsitzender Die Linke

Und auch nachmittags müssen Kinder betreut werden: Franaziska war es wichtig, für ihre Kinder da zu sein, um ihnen Freizeitaktivitäten zu ermöglichen. Eine Vollzeitbeschäftigung wäre somit gar nicht denkbar gewesen.

Vollzeit für Pflegeberufe oft unrealistisch

Aber Franziska glaubt nicht, dass das Konzept für Pflegeberufe realistisch wäre. Diese sind körperlich und mental so aufreibend und anstrengend, dass viele eher gar nicht arbeiten würden, als den Beruf in Vollzeit auszuüben. Das System würde kollabieren, sagt sie.

"Ganz krass gesagt ist es für viele eine Überlebensstrategie zu reduzieren. Das sind Belastungen, die auf dich einprasseln, denen kannst du einfach nicht standhalten."
Franziska, Krankenschwester

Teilzeit ist in Deutschland sehr verbreitet und auch in der EU hat Deutschland eine der höchsten Teilzeitquoten sagt, Wirtschaftsjournalist Sebastian Moritz. Laut Statistischem Bundesamt haben im Jahr 2024 29 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit gearbeitet, also etwa drei von zehn Personen.

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, der Forschungsteil der Bundesagentur für Arbeit, kommt zu einer noch höheren Teilzeit-Quote von gut 40 Prozent. Das liegt zum Beispiel daran, dass Minijobs in der Statistik manchmal als Teilzeitjobs gewertet werden, sagt Sebastian Moritz.

Es wird nicht weniger gearbeitet, sondern die Arbeit ist anders verteilt

Beide Statistiken zeigen, dass die Teilzeitquote in Deutschland in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Und sie zeigen auch, dass die Teilzeitquote im internationalen Vergleich in Deutschland überdurchschnittlich hoch ist. Der Wirtschaftsjournalist sagt allerdings auch, die Zahlen seien kein Beleg dafür, dass in Deutschland wenig gearbeitet wird. Die Arbeit sei inzwischen nur anders verteilt als noch vor einigen Jahren.

Deutlich mehr Frauen arbeiten in Teilzeit, das führt der Wirtschaftsjournalist darauf zurück, dass Frauen weiterhin einen größeren Teil der Kinderbetreuung und Care-Arbeit leisten. Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, bei Männern ist es circa jeder Zehnte.

Die Zahl der Menschen, die die CDU meint, wenn sie von Lifestyle-Teilzeit spricht, liege im einstelligen Prozentbereich. Diese Meinung vertritt zum Beispiel der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell von der Hochschule Koblenz. Damit meint die CDU Menschen, die in Teilzeit arbeiten, weil sie nicht auf das Geld angewiesen sind.

Mehr Vollzeit – hilft das gegen den Fachkräftemangel?

Der Vorschlag der CDU ist auch ein Versuch den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen. Allerdings ist Teilzeit für gesuchte Fachkräfte oft auch ein Anreiz sich auf eine Stelle zu bewerben.

Anders als die CDU sieht Markus Söder von der CSU die Lösung nicht darin, den Anspruch auf Teilzeit zu kippen. Er hält es für sinnvoller, mehr finanzielle Anreize dafür zu schaffen, dass Menschen mehr oder länger arbeiten.

Viele Ökonomen dass andere Stellschrauben wirkungsvoller sein könnten, wie etwa die Kinderbetreuung zu verbessern oder flexiblere Arbeitszeiten zu schaffen, sagt der Wirtschaftsjournalist.

Denn viele Beschäftigte wollten tatsächlich mehr arbeiten, könnten es aber nicht. Studien haben ausgerechnet, dass – wenn alle Teilzeitkräfte so viel arbeiten könnten, wie sie wollten – diese Arbeitskraft mehr als 1,4 Millionen Vollzeitstellen entsprechen würde, sagt Wirtschaftsjournalist Sebastian Moritz.