DatenschutzHören unsere Smartphones heimlich zu?

Viele von uns tragen ihr Smartphone ständig bei sich. Sprechen wir zum Beispiel über Hundeleinen, Urlaub oder Sekt und sehen später passende Werbung dazu, stellt sich vielen die Frage: Belauscht uns unser Handy? Ein Zufall ist das eher nicht, sagt ein Experte.

Es ist ein ganz beiläufiges Gespräch unter Freunden: Wir chillen auf dem Sofa und die Smartphones liegen vor uns auf dem Couchtisch. Es geht um nichts Weltbewegendes: Den Plan einen Schlafsack für den nächsten Urlaub zu kaufen, die Frage, wo man am besten einen Anzug für die Hochzeit des besten Kumpels findet oder das Dilemma, ob man wirklich so viel Geld für eine Designersonnenbrille hinblättern sollte.

Und am nächsten Tag bekommt man prompt die passende Werbung angezeigt. Irgendwie fühlt sich das dann merkwürdig an: Ist das nur ein Zufall oder werden wir gar ausspioniert – vom eigenen Smartphone, das ständig dabei ist? Ein Gedanke, den viele von uns wahrscheinlich schon einmal hatten.

"Es gibt keinen wissenschaftlich belastbaren Nachweis, es gibt keine Untersuchungen von einer Universität, die das mal unter Laborbedingungen hinbekommen hat."
Jochim Selzer, Chaos Computer Club

Den wissenschaftlichen Nachweis, dass unsere Smartphones uns abhören und dadurch beispielsweise Daten über unser Konsumverhalten sammeln, gibt es nicht, sagt Jochim Selzer. Der Mathematiker ist Mitglied im Chaos Computer Club (CCC). Auch aus anderen Gründen hält er es für unwahrscheinlich, dass wir von unseren Handys ausspioniert werden.

Wir gehen lax mit persönlichen Daten um

Zum einen geben wir eine Vielzahl von sensiblen persönlichen Daten freiwillig preis. Deswegen bestehe gar nicht die Notwendigkeit, uns auszuspähen. Oft "kenne" uns eine Social Media App besser, als unser Lebenspartner, sagt Jochim Selzer.

"Warum sollte ich als Google, als Facebook, als Amazon ein dermaßen Risiko eingehen, wenn ich an diese Daten doch legal viel einfacher herankomme."
Jochim Selzer, Chaos Computer Club

Zum anderen würden große Tech-Unternehmen wie Google, Apple und Co. gegen bestehendes deutsches Recht und wahrscheinlich auch europäisches Recht verstoßen, wenn sie uns mit digitalen Geräten abhören würden, sagt Jochim Selzer. Dieses Risiko würden diese Unternehmen, für das sie vermutlich einen sehr hohen Preis zahlen müssten, nicht eingehen, sagt das Mitglied des Chaos Computer Clubs.

Dennoch wahrscheinlich kein Zufall, dass wir passende Werbung gezeigt bekommen

Jochim Selzer glaubt aber auch nicht an einen Zufall. Er vermutet, dass es eine Erklärung dafür gibt, dass wir plötzlich Werbung angezeigt bekommen, für Themen, die uns interessieren, nach denen wir aber bis dato noch nicht im Netz gesucht haben.

Der Experte für Datenschutzfragen geht davon aus, dass es Apps auf unserem Handy gibt – er nennt zum Beispiel Google – bei denen eine Standortbestimmung aktiviert ist. Dadurch wird sozusagen festgestellt, dass wir uns zusammen mit Menschen aufhalten, die sich für bestimmte Themen interessieren.

Und möglicherweise wird uns dann aus diesem Grund Werbung für Themen ausgespielt, mit denen wir uns zuvor noch nicht befasst hatten, sagt Jochim Selzer.

"Die Angreifer*innen haben es hinbekommen, sich sozusagen das Vertrauen der Zielperson zu erschleichen und hinzubekommen, dass diese Zielperson den Zugriff auf den Signal-Account auf die Endgeräte zulässt."
Jochim Selzer, Chaos Computer Club

Dass das Ausspionieren mit Endgeräten leicht möglich ist, haben schon verschiedene ARD-Sender getestet und nachgewiesen, sagt Jochim Selzer. Aber auch im Fall von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die über die Signal-App ausspioniert worden sein soll, geht Jochim Selzer davon aus, dass sie den Angreifern möglicherweise selbst unbewusst Zugang gewährt haben könnte.

Jochim Selzers Fazit lautet daher: "Wenn du mir freiwillig den Schlüssel dafür gibst, ist es egal, wie gut dein Schloss ist."