Demokratie und GrundrechteDie radikale Rechte und ihr Verhältnis zur Freiheit
Unter dem Banner der Freiheit schafft es die traditionell eigentlich illiberale politische Rechte, immer mehr Anhänger zu gewinnen. Warum das so ist und wie wir damit umgehen sollten, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Laura Wolters in ihrem Vortrag.
Rechte Ideologie und Freiheit – das scheint kein Gegensatz mehr zu sein: Die politische Rechte hat die Freiheit als Kampfbegriff für sich entdeckt. Angesichts der Tatsache, dass Antiliberalismus und Autoritarismus seit jeher quasi zur DNA rechten Denkens gehörten, scheint das auf den ersten Blick widersprüchlich.
Freiheit als Kampfbegriff der politischen Rechten
"Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, die Freiheit von staatlichen Zugriffen auf die private Lebensführung – all das findet man zu Hauf in rechten Publikationen, auf rechten Demos, auf rechten Veranstaltungen", beobachtet auch Laura Wolters.
"Insbesondere in den Jahren seit Ausbruch der Corona-Pandemie lässt sich beobachten, wie stark bestimmte Grundrechts- und Freiheitsrhetoriken ganz tief in den rechten Diskurs eingezogen sind."
"Die Grundrechte werden sozusagen zu einem Schlüsselkonzept der radikalen Rechten", stellt die Sozialwissenschaftlerin fest und ergänzt: "Ich bin selbst überrascht, dass ich das mal sagen muss."
Ist das nur Opportunismus? Nur Strategie? Laura Wolters warnt davor, das rechte Reden über die Freiheit alleine damit zu erklären. Zwar möge das zu Teilen stimmen, die Sache sei aber komplizierter.
Die Rechte profitiert von der Angst vor Freiheitsverlusten
Der Einzug der Freiheit in den rechten Diskurs verschiebe etwas im rechten Common Sense und wie damit Wahlen gewonnen werden. Sie meint damit keine Veränderung zum Besseren oder Progressiven, stellt sie direkt klar. Sondern: Untersuchungen zeigten, dass Angst vor und Empörung über gefühlte Freiheitsverluste eines der zentralen Vergemeinschaftungsmomente in der neurechten Bewegung seien.
"Festzuhalten ist: Die radikale Rechte anno 2025 zieht Menschen an, und zwar zum Teil massenhaft, für die Freiheiten und demokratische Grundrechte ein zentrales Thema sind."
"Diese Gefühle, dieses Freiheitsbegehren, was einem dort überall begegnet, das ist durchaus authentisch, das ist durchaus ernst gemeint", glaubt Laura Wolters. Und dabei sei es egal, ob dieses Gefühl der Realität angemessen ist und ob diese Freiheitskonzepte konsistent sind oder demokratischen Gütekriterien standhalten.
"Wie eigentlich schafft es eine Bande von Illiberalen, so eine gewaltige Anhängerschaft ausgerechnet unter dem Banner der Freiheit zu versammeln?"
Für sie stellt sich die Frage, wie die Rechte es schafft, diese Verteidigung der Freiheit in ihre Ideologie zu integrieren, also wie bestimmte Akteure sich "Freiheitsbegriffe aneignen oder zumindest lernen, sie zu dulden". Und: wie es der Rechten gelingt, im Namen der Freiheit einen so großen Zulauf zu erreichen – auch global.
In ihrem Vortrag gibt sie zunächst einen Überblick über die Rolle von Freiheit und verwandten Begriffen innerhalb der radikal rechten Bewegung und zeichnet dann die Verschiebungen nach, die sie im rechten Diskurs seit Anfang der 2010er-Jahren ausmacht, als die Rechten bei Wahlen erfolgreicher wurden. Im Fazit widmet sie sich der Frage, warum diese Freiheitsrhetorik für die radikale Rechte so erfolgreich ist.
"Es fällt den Rechten regelrecht zu, als einzige Systemalternative übrig zu bleiben."
Laura Wolters ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet in der Forschungsgruppe "Demokratie und Staatlichkeit" am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Ihren Vortrag "Notfalllibertäre, Postliberale, Verfassungspatrioten? Die radikale Rechte und ihr Verhältnis zur Freiheit" hat sie am 10. Dezember 2025 im Rahmen der Vortragsreihe "Die Verfassung der Freiheit – Demokratieprobleme der Gegenwart".