Toxische MännlichkeitAutor: "Sexualisierte Gewalt ist nicht allein physische Gewalt"

Nach dem Mord der Britin Sarah Everard im März wird nicht nur in London über Gewalt gegen Frauen gesprochen. In der Diskussion, die auch im Netz stattfindet, geht es dabei um Fragen von Männlichkeit im Kontext sexualisierter Gewalt. Der Autor Fikri Anıl Altıntaş setzt sich schon länger mit dem Thema kritische Männlichkeit auseinander.

Die 33-Jährige Sarah Everard wurde in der Nähe von London ermordet. Sie war auf dem Weg nach Hause. Verdächtigt wird ein Polizist.

Nach der Tat hatte die Polizei Frauen zunächst geraten, nachts nicht mehr alleine nach Hause zu gehen. Dafür gab es reichlich Kritik: Denn warum sollten allein Frauen für ihre Sicherheit verantwortlich sein? Und warum wird nicht über Männer und Männlichkeit geredet?

Männlichkeit kritisch hinterfragen

Der Autor Fikri Anıl Altıntaş fordert schon länger, dass sich Männer mit Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen. Auch wenn sie für sich festhalten, dass sie mit physischer Gewalt nichts zu tun haben. Denn: "Es gibt, glaube ich, eine starke Unwissenheit darüber, wann eigentlich sexualisierte Gewalt anfängt", sagt Fikri Anıl Altıntaş.

"Sexualisierte Gewalt fängt nicht erst bei physischer Gewalt an, sondern hört genau da im Zweifel auf. Aber sie fängt viel früher an."
Fikri Anıl Altıntaş, Autor

Deshalb müssten sich Männer stärker damit auseinandersetzen, wie sie ihre Männlichkeit leben. Das sollten sie kritisch, aber auch "ganz resolut" tun.

Denn sonst schützen und reproduzieren sie ein System, das Täter schützt, so der Autor. "Denn wenn nur ein Mann sich nicht dagegen ausspricht, dass es diese Gewalt gibt, dann ist er Teil eines Systems, das diese Gewalt schützt und vor allem verharmlost", sagt Fikri Anıl Altıntaş.

"Männer müssen sich mit ihrer Art, wie sie Männlichkeit leben, auseinandersetzen."
Fikri Anıl Altıntaş, Autor

Denn es sind keine Einzelfälle, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. "Es ist an der Tagesordnung", sagt Fikri Anıl Altıntaş.

Laut Bundeskriminalamt waren 2019 rund 140.000 Menschen Opfer von Partnerschaftsgewalt, zu 81 Prozent waren Frauen betroffen und zu 19 Prozent Männer. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind die Opfer zu über 98 Prozent weiblich, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es 89 Prozent. Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen.

#NotAllMen ist keine Antwort

Nach dem Tod von Sarah Everard trendete im Netz #NotAllMen. Erneut, denn der Hashtag ist nicht neu. Für Fikri Anıl Altıntaş ist er keine legitime Gegenposition. "In diesem konkreten Fall in London, war der Täter ein Mann", sagt der Autor. Deshalb sei solch ein Hashtag nur ein Wegschieben.

"Männer wollen nicht darüber reden, wo es eigentlich weh tut, irgendwo auch ein Mann in dieser Gesellschaft zu sein." Denn Männer "profitierten" von dem System, das darauf ausgelegt sei, weiblich gelesene Menschen zu diskriminieren.

Aber das zu durchbrechen ist möglich: durch ein Hinterfragen und eine kritische Auseinandersetzung. Und auch schon durch anderes Verhalten im Alltag. Zum Beispiel als Mann nicht breitbeinig in U-Bahn oder Bus zu sitzen. Stichwort: Menspreading. Oder nicht zu drängeln zum Beispiel an der Kasse, sondern anderen ihren Raum und Platz lassen. Und eben auch nicht öffentlich zu pinkeln. Denn, so sagt Fikri Anıl Altıntaş: "Das ist auch eine Form von: Wem gehört eigentlich der öffentliche Raum? Wer darf es sich leisten, irgendwo mit heruntergelassener Hose zu pinkeln? Und welche Befindlichkeiten werden da komplett ignoriert?"

Korrektur:

In einer vorherigen Version dieses Textes waren die Angaben zu Opfern von Gewaltdelikten in Partnerschaften nicht korrekt. Tatsächlich waren laut Bundeskriminalamt 2019 rund 140.000 Menschen Opfer von Partnerschaftsgewalt, zu 81 Prozent waren Frauen betroffen und zu 19 Prozent Männer. Wir haben das im Text geändert.