DrogenschmuggelDer neue Kokain-Express nach Europa
Noch nie ist so viel Kokain nach Europa gekommen wie jetzt, sagt Investigativjournalist Benedikt Strunz. Schmuggler finden ständig neue Wege, Behörden sind machtlos. Wie kommt das Pulver aus Südamerika über den sogenannten Kokain-Highway nach Europa?
Erst vor wenigen paar Tagen hat die Polizei vor der portugiesischen Küste mehr als drei Tonnen Kokain beschlagnahmt. Bei der Verfolgungsjagd auf hoher See starb auch ein Mensch. Selbst wenn einiges an Kokain aus dem Verkehr gezogen wird – Schätzungen zufolge landen trotzdem jedes Jahr immer noch Hunderte Tonnen in Europa.
Und es wird immer mehr. Obwohl die großen Häfen wie Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg, über die große Mengen Drogen ins Land geschmuggelt werden, stärker kontrolliert werden.
Neue Wege für den Kokainschmuggel
Ein Grund dafür: Der Kokainhandel verlagert sich zunehmend auf kleinere Häfen, auch in Deutschland. Gleichzeitig sind die Sicherstellungsmengen in anderen europäischen Ländern wie Frankreich stark gestiegen, berichtet NDR-Investigativjournalist Benedikt Strunz. Er beschäftigt sich seit mehr als zwölf Jahren mit dem internationalen Kokainhandel. Eine neue Schmuggelroute gewinne dabei besonders an Bedeutung: der sogenannte Kokain-Highway.
"Der Kokain-Highway ist ein Gebiet zwischen den Azoren, Madeira, Portugal und Spanien - ein wirklich riesiges Seegebiet."
Der Kokain-Highway erstreckt sich über ein riesiges Seegebiet zwischen den Azoren, Madeira, Portugal und Spanien. Große Frachter, Fischerschiffe und teilweise sogar U-Boote bringen Kokain aus Lateinamerika über den Atlantik, so Benedikt.
Auf hoher See werden die Drogen dann auf Schnellboote umgeladen, die sie an die europäischen Küsten transportieren, erklärt er weiter. Solche Boot könnten je bis zu drei Tonnen Kokain aufnehmen. Die Übergabe der verpackten Drogen dauere oft nur wenige Minuten.
"Die Boote haben teilweise acht riesige Motoren – und dann krebst da irgendwie halt die Polizei hinterher."
Die Schnellboote seien extrem schwer aufzuspüren und noch schwerer zu verfolgen. Manche hätten bis zu acht leistungsstarke Motoren und seien deutlich schneller als die Boote der Polizei. Die Verfolgungsjagden seien deshalb extrem gefährlich: "Die Leuten an Bord wissen: Wenn ich bei dem Tempo einen Fahrfehler mache, dann bin ich tot."
Auf dem Wasserweg ins Hinterland
Für den Weitertransport des Kokains gibt es verschiedene Wege, so Benedikt. Eine Route führe über Westafrika, wo sich einige Länder zunehmend zu sogenannten Narco-Staaten entwickelten. Von dort werde das Kokain entweder über Land Richtung Nordafrika oder mit weiteren Schiffen transportiert.
"Sie fahren in die großen Flüsse in Portugal und Spanien rein und bringen das Kokain ins Hinterland. Da gibt es auch regelmäßig Schießereien mit der Polizei."
Häufiger würden die Schnellboote aber direkt die Küsten Portugals und Spaniens ansteuern und über große Flüsse ins Landesinnere fahren. Dabei komme es immer wieder zu Schießereien mit der Polizei. Den Beamten gelinge es oft nicht, die Boote zu stoppen.
An abgelegenen, vorher vereinbarten Orten, etwa in Naturschutzgebieten, werde das Kokain schließlich nachts auf Transportfahrzeuge umgeladen und weitertransportiert.
U-Boote warten in schwimmenden Häfen
Hinter dem Kokainschmuggel nach Europa stecken international organisierte kriminelle Netzwerke, häufig albanische Gruppen, berichtet der Journalist. Daneben spielten auch die sogenannte Mocro-Mafia, brasilianische Kartelle und vermutlich auch italienische und türkische Gruppierungen eine Rolle.
Wie komplex diese Netzwerke sind, zeigt ein Fall, den Benedikt gerade recherchiert: Darin seien mindestens sechs große kriminelle Gruppen verwickelt. Schätzungsweise 300 Menschen hätten mit dem Kokain zu tun gehabt, bevor es auf europäischen Straßen gelandet sei. Die Organisationen seien hoch spezialisiert und arbeiteten extrem arbeitsteilig. Teilweise würden sogar eigene U-Boote gebaut.
"Da bauen Leute U-Boote. Die warten tagelang hunderte Kilometer draußen in selbstgebauten schwimmenden Häfen mit Satellitentelefonen auf einen Anruf."
Auf dem Atlantik warten Schmuggler tagelang an improvisierten schwimmenden Stützpunkten auf Anweisungen, erzählt Benedikt. Andere Schiffe versorgten sie mit Treibstoff, Lebensmitteln und weiteren Dienstleistungen.
Polizei und Zoll könnten da mit ihren begrenzten Mitteln oft kaum mithalten, meint der Journalist: "Ehrlich gesagt wissen wir einfach wahnsinnig wenig." Die kriminellen Netzwerke seien riesig, mächtig und bestens organisiert. Für die Ermittelnden sei das eine enorme Herausforderung.
Kokainhandel kennt keine Grenzen
Ermittler wie Christian Schwöder. Er arbeitet seit 20 Jahren beim Bundeskriminalamt (BKA). In der Abteilung für Schwere und Organisierte Kriminalität leitet er ein Referat, das Informationen zu Kokain, Heroin und Cannabis auswertet. Das BKA ist aber nicht nur für Analysen zuständig, sondern ermittelt auch selbst und unterstützt Polizeieinsätze vor Ort, erklärt er.
"Die organisierte Kriminalität macht nicht Landesgrenzen Halt. Die interessiert keine Nationalgrenze, auch nicht Europa. Die agieren weltweit."
Eine besonders wichtige Aufgabe des BKA sei es, Informationen aus den 16 Bundesländern und dem Ausland zusammenzuführen. Die organisierte Kriminalität kennt keine Landesgrenzen, sie agiert weltweit, betont er. Deshalb sei der nationale und internationale Informationsaustausch entscheidend.
Ermittle beispielsweise die Polizei in Baden-Württemberg gegen eine Person, könne das BKA prüfen, ob diese auch in Berlin, Bayern oder im Ausland aufgefallen sei. Die Informationen würden unter Einhaltung der Datenschutzregeln zusammengeführt und an die Ermittelnden weitergegeben.
Das BKA als Spinne im Netz
Das BKA ist sozusagen das Interpol Deutschlands und ein wichtiger Knotenpunkt für den europäischen Informationsaustausch, so der Ermittler. "Die Spinne im Netz der Informationen", nennt er diese Rolle.
"Bei uns laufen die die ganzen Kommunikationsmittel der EU zusammen. Das ist der Knotenpunkt, die Spinne im Netz der Informationen."
Wie das konkret funktioniert, erklärt er an einem Beispiel: Gehe aus dem Ausland ein Hinweis ein, dass eine Person Kokain in Schiffscontainern aus Kolumbien oder Ecuador nach Hamburg schmuggeln könnte, prüfe das BKA zunächst, welche Informationen bereits über die Person vorlägen. Anschließend würden auch die Ermittler*innen in Hamburg informiert, sofern sie den Hinweis nicht bereits erhalten hätten.
Going Dark: Wenn Ermittelnde im Dunkeln tappen
Für die Behörde werde es immer schwieriger, die Kommunikation krimineller Netzwerke zu überwachen. Die Täter seien technisch versiert und nutzten speziell verschlüsselte Messenger-Dienste und Telefone. Die Behörden nennen dieses Phänomen "Going Dark".
Klassische Telekommunikationsüberwachung greife oft nicht mehr. Deshalb müssen die Ermittelnden auf andere Methoden wie etwa Observationen zurückgreifen und alles nutzen, was die Strafprozessordnung bietet, um an Infos zu kommen, so Christian Schwöder.
Gleichzeitig steigt der Kokainkonsum in Deutschland. Bei den 18- bis 25-Jährigen hat er sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdreifacht. Das Kokain wird außerdem immer reiner und damit bei gleicher Konsummenge gefährlicher.
Die Anbauflächen für Koka in Südamerika seien auf Rekordniveau, sagt der Ermittler. Trotz großer Drogenfunde durch Polizei und Zoll bleibe das Angebot und die Nachfrage hoch. Die Polizei könne mit ihren Einsätzen lediglich punktuell eingreifen.
Ein kaum zu stoppendes Geschäft
Wie groß das Problem inzwischen sei, zeige auch der Preis: In manchen Großstädten koste eine Konsumeinheit Kokain weniger als ein Bier. Es stelle sich deshalb nicht nur die Frage, wie die Polizei den Handel bekämpfen kann, sondern auch, warum so viele Menschen überhaupt Drogen konsumieren.
Mit mehr Personal und Polizeieinsätzen allein lasse sich der Kokainhandel kaum eindämmen. Solange die Nachfrage bestehe, werde es auch kriminelle Organisationen geben, die daran verdienen wollten. "Die sind so innovativ, flexibel und potent von den Geldgewinnen her, dass die immer neue Wege finden, Sachen nach Europa zu schmuggeln", meint er.
"Die sind so innovativ, flexibel und potent von den Geldgewinnen her, dass die immer neue Wege finden, Sachen nach Europa zu schmuggeln."
Gleichzeitig müsse auch in den Herkunftsländern des Kokains angesetzt werden. Dafür sei eine Zusammenarbeit mit den dortigen Regierungen wichtig – aber auch besonders schwierig. Denn die Drogenkartelle verfügten über enorme finanzielle Mittel und in manchen Ländern sei Korruption weit verbreitet. Europäische Maßnahmen könnten deshalb schnell wirkungslos bleiben.
Die gefährliche Macht der Kokain-Mafia
Der steigende Kokainkonsum und die sinkenden Preise ist auch für Investigativjournalist Benedikt Strunz eine besorgniserregende Entwicklung. Immer mehr Menschen würden schwer abhängig. Noch größere Sorgen bereiteten ihm allerdings die Folgen des Drogenhandels für die Gesellschaft.
Er schätzt, dass jährlich rund 40 Milliarden Euro aus dem Kokainhandel in die organisierte Kriminalität fließen. Dieses Geld stärke kriminelle Netzwerke und fördere Gewalt. Schießereien, Auftragsmorde, Entführungen und Folter seien längst Teil dieser Entwicklung. Auch Korruption spiele eine wichtige Rolle.
"Die Organisierte Kriminalität fordert die Spielregeln unserer Gesellschaft nicht nur heraus, sondern gefährdet sie."
Die organisierte Kriminalität sei dadurch zu einer ernsthaften Bedrohung für den Rechtsstaat geworden. Die Kokainwelle und das damit verdiente Geld fordern die Spielregeln unserer Gesellschaft nicht nur heraus, sondern gefährden sie, warnt Benedikt. Je länger diese kriminelle Gelddruckmaschine laufe, desto mächtiger und gefährlicher würden die Netzwerke.
Wie sich die Kokain-Mafia bekämpfen ließe
Darum brauche es vor allem langfristige Strukturermittlungen. Häufig würden nur die Logistiker eines Kokaindeals gefasst. Entscheidend sei aber, auch an die Finanziers und Drahtzieher heranzukommen, die etwa in der Türkei, Dubai oder Marokko säßen. "Das braucht viel Sitzfleisch, das braucht viele Ressourcen", sagt der Investigativjournalist.
Zudem müsse der Druck auf Länder und Orte erhöht werden, die kriminellen Netzwerken Rückzugsräume böten. Besonders die Türkei bereite ihm Sorgen, weil die organisierte Kriminalität dort aus seiner Sicht weitgehend ungehindert agieren könne.
"Dann hast du ein Nährbecken für die organisierte Kriminalität. Und damit müssen wir uns als Gesellschaft beschäftigen."
Doch auch die Gesellschaft sei gefragt. Denn der Einstieg in die organisierte Kriminalität habe viel mit fehlender Chancengleichheit zu tun. Jugendliche ohne Perspektive auf Arbeit und ein gutes Einkommen seien besonders gefährdet. Wer die organisierte Kriminalität langfristig schwächen wolle, müsse deshalb auch für bessere Zukunftschancen sorgen.
Hörtipp: Organisiertes Verbrechen – Kokain ohne Ende
Recherchen von NDR/WDR/SZ und internationalen Partnern zeigen, wie sich die Lieferwege des Kokains nach Europa verändern, wie professionell die Kokain-Netzwerke inzwischen operieren – und warum sich europäische Fahnder inzwischen nicht mehr anders zu helfen wissen als mit dem Militär. Darum geht es in der neuen Staffel von "Organisiertes Verbrechen – Kokain ohne Ende".