Eldest Daughter SyndromeMehr Verantwortung als gut tut
Judy ist als erste Tochter geboren. Diese Rolle kann fürs ganze Leben prägen und eine Last sein – das jedenfalls sagen viele Social-Media-Clips, die in dem Zusammenhang vom sogenannten "Eldest Daughter Syndrome" sprechen. Was ist da dran?
Judy ist zwölf Jahre alt, als ihr kleiner Bruder auf die Welt kommt. Sie freut sich. Sie darf ihn halten, darf ihn füttern, ist irre stolz. Anfangs ist es ein bisschen, wie mit Puppen zu spielen. Doch schnell verändert sich etwas.
"Ich habe mich so richtig toll gefühlt: Ich bin mature und nicht so kindlich."
Judy gleitet von der Rolle eines Geschwisterkindes in eine Sorgerolle. Früh übernimmt sie richtig Verantwortung für ihren kleinen Bruder. Als Zwölfjährige fühlt sich das auch erst mal gut an, erinnert sie sich – dass man ihr zutraut, reif genug zu sein, und Aufgaben zu übernehmen, die eigentlich Erwachsenensache sind. Judy fühlt sich ernst genommen.
Wenn Kinder zu viel familiäre Verantwortung übernehmen
Dann erkrankt ihre Mutter an Depression. Mit dem Kleinkind ist sie zunehmend überfordert. Judy übernimmt als ältere Schwester immer mehr Aufgaben. Sie gibt ihrem Bruder sein Fläschchen und wechselt die Windeln. Ein Spiel ist das schon lange nicht mehr. Es wird zum Dauerzustand.
"Dann hast Du irgendwann gecheckt: Eigentlich ist das nicht grad ein Kompliment. Von deren Seite war es eins. Aber für mich hätte das die erste Red Flag sein sollen."
Irgendwann fühlt sich Judy in dieser Ersatz-Mutterrolle gefangen. Sie sorgt für ihre Familie – und ist damit als Kind überfordert. Und das hört auch als Erwachsene nicht auf: Mit 18 Jahren zieht sie von Zuhause aus, um in einer anderen Stadt zu studieren. Trotzdem bleibt sie immer erreichbar und auf Abruf, um einzuspringen, wenn ihre Hilfe benötigt wird. Rund um die Uhr.
"Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich Grenzen haben darf, dass ich Grenzen haben kann. Dass sowas überhaupt existiert, auch innerhalb familiärer Verhältnisse."
Einmal bekommt sie eine Nachricht von ihrer Mutter, dass sie ihren kleinen Bruder von der Schule abholen und ihm etwas zu essen kochen soll. Judy tut es. Nach einer vollen Uni-Woche setzt sie sich in den Zug und fährt mehrere Stunden zu ihrer Familie. Ob sie das überhaupt möchte, fragt sie sich damals gar nicht.
In den Social Media wird das, was Judy erlebt, als "Eldest Daughter Syndrome" (EDS) bezeichnet, also als "Älteste-Schwester-Syndrom". Allerdings: EDS ist keine psychiatrische Diagnose oder kein existierendes medizinisches Syndrom. Der Begriff gibt der von Vielen geteilten Annahme einen Namen, dass auf der ältesten Tochter eine unverhältnismäßig hohe Last an familiären Erwartungen lasten kann, die sich auf ihr ganzes Leben auswirken kann.
"Eldest Daughter Syndrom" betrifft nicht allein die großen Schwestern
Solche Muster beobachten Expert*innen tatsächlich auch. Judys Erfahrungen seien eher extrem, sagt etwa die Soziologin Lara Bister, aber Vieles davon kenne sie aus ihrer Arbeit. Sie forscht am Wissenschaftszentrum Berlin zu Familiendynamiken und untersucht, wie sich der Stress der Eltern auf Kinder übertragen kann.
Lara Bister beobachtet, "dass vor allem Mädchen oder junge Frauen in Familien eher bestimmte informelle oder formelle Pflegeaufgaben übernehmen für andere Familienmitglieder, aber auch emotionale Verantwortung." Und das sei besonders der Fall, wenn ein Familienmitglied erkrankt sei oder eine Behinderung habe – wie in Judys Fall eben.
Mögliche Folge: People Pleasing
Die Soziologin sagt auch: Das betrifft nicht allein die ältesten Töchter. Älteste Geschwister generell bekämen schneller Verantwortungsaufgaben übertragen. Das sei vom Geschlecht unabhängig und von Familie zu Familie anders.
Wenn wir nun mit bestimmten Erwartungen innerhalb der Familie oder auch der Gesellschaft konfrontiert sind, könne es durchaus sein, dass wir möglicherweise früh damit beginnen, Verantwortung zu übernehmen und auch Verhaltensweisen entwickelten wie etwa das sogenannte "People-Pleasing".
Aber: Geschlecht und die Geburtsreihenfolge bestimmen nicht automatisch, welche Eigenschaften jemand ausprägt, sagt die Soziologin auch. Das hänge vielmehr davon ab, welche Lebenserfahrungen wir machen.
Wir können eingeübte Verhaltensmuster ablegen
Und noch etwas ist wichtig: Egal, ob Tochter oder Sohn, ob Älteste*r oder nicht – wenn wir so geprägt wurden und wir entsprechende Muster entwickelt haben, muss das nicht so bleiben!
So wie bei Judy: Sie entwickelt als Erwachsene chronische Stress- und Schlafstörungen. Alles kippt, als sie mit Mitte Zwanzig so überlastet und erschöpft ist, dass sie sogar suizidale Gedanken entwickelt. Judy reagiert: Sie begibt sich in Therapie und arbeitet darin auf, wie die familiäre Situation ihre Rolle als erstgeborenen Tochter geprägt hat.
"Ich kann doch eh niemandem gerecht werden. Also warum soll ich es weiter versuchen?"
Judy lernt, Grenzen zu setzen. Trotz Höhen und Tiefen bleibt sie dabei mit ihrer Familie in Kontakt. Sie hat aus eigener Kraft ihre Situation verändert. Und auch aus ihrer Geschichte zieht sie Kraft, sagt sie.
"Ich würde das auch irgendwie nicht missen wollen: Ich bin weitaus selbstständiger gewesen als andere in meinem Alter. Das ist auch etwas Positives, eine eigene Meinung haben zu können."
Unsere Prägungen können wir rückwirkend nicht ändern. Aber wir haben in der Hand, wie wir damit weitermachen und umgehen.