EmpowermentWenn Kinks helfen, ein Trauma zu verarbeiten

Nadine liebt es, beim Sex gefesselt zu werden. Zuerst schämt sie sich dafür, dann findet sie aber in der Sexualtherapie heraus: Durch diesen Kink holt sie sich die Kontrolle über ihr Trauma zurück.

Mit 24 merkt Nadine, dass sie kein Mensch für "Vanilla Sex" ist. Sie steht auf BDSM – also das Spiel aus Macht und Unterwerfung, gerne zusammen mit einer Prise Schmerz und Seilen zum Fesseln.

"Diese Verbindung, die entsteht – durch das Seil und wie die Körper miteinander sprechen können – ohne dass man Worte benutzt."
Nadine, 31 aus Wien

Dass Nadine diese Kinks entwickelt, liegt daran, dass sie beim Sex bis dahin oft die Erfahrung gemacht hat, dass kaum miteinander gesprochen wird. Bei ihren BDSM-Sessions ist das anders.

"Der Kink war eigentlich eine Art von Sexualität, bei der ich mich sicher gefühlt habe und ich mich auch heute noch sicher fühle – gerade weil es diese Grenzen gibt."
Nadine, 31 aus Wien

Hilfe durch Sexualtherapie

Mit Grenzen meint sie Safewords und ein Ampelsystem, das beim BDSM häufig verwendet wird, um sicherzustellen, dass alles, was passiert, noch im grünen Bereich – also für beide Seiten okay – ist. Irgendwann hat Nadine jedoch angefangen, sich dafür zu schämen, diese Kinks entwickelt zu haben. Das war der Punkt, an dem sie sich dazu entschieden hat, eine Sexualtherapie zu beginnen, erzählt sie.

"Ich wusste, dass ich jemanden brauche, der offen für dieses Unkonventionelle ist und nicht versucht, mir das auszureden, was ich für mich entdeckt habe – etwas, das mir nach so vielen Jahren endlich Spaß, Freude und Lust bereitet."
Nadine, 31 aus Wien

Bei konventionellem Sex fühlte Nadine sich lange unwohl, weil dabei wenig abgesprochen oder geredet wurde. Ihr Körper wehrt sich gegen alles, was nicht vorhersehbar ist. Das liegt aus ihrer Sicht daran, dass sie in jungen Jahren sexuell missbraucht worden ist.

Verdrängtes Trauma

In der Sexualtherapie versteht Nadine dann, dass ihr die Kinks dabei helfen, ihr Trauma zu verarbeiten, das sie lange verdrängt hatte. Denn im BDSM wird im Vorfeld mehr über Bedürfnisse und Grenzen gesprochen. Das gibt ihr die Kontrolle zurück.

"Dieses Reden, dieses Aushandeln und dieses ständige Einchecken – 'Wie geht es dir? Ist es okay, wenn ich das jetzt mache?' – das hat mir in der sogenannten normalen Sexualität gefehlt."
Nadine, 31 aus Wien

Nadine ist sich bewusst, dass sich ihr Weg nicht auf alle übertragen lässt. Trotzdem möchte sie ihre Geschichte erzählen, um anderen Mut zu machen, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und sich bei Bedarf therapeutische Unterstützung zu suchen. Mit dem Ziel, ein Sexleben zu führen, mit dem jede und jeder zufrieden ist. Davon erzählt Nadine in dieser Folge von Eine Stunde Liebe.