Ende der KolonialherrschaftDer Sudan wird 1956 unabhängig
Hinter dem Sudan liegt eine Jahrhunderte alte Kolonialherrschaft: Ägypten (unter osmanischer Oberhoheit) und später Großbritannien beuten das Land aus. 1956 folgt die Unabhängigkeit, nachdem Ägypten auf seine Ansprüche verzichtet.
Ende des 19. Jahrhunderts gerät der Sudan beim "Kampf um Afrika" ins Fadenkreuz der Auseinandersetzung von Großbritannien und Frankreich.
- Großbritannien will ein zusammenhängendes afrikanisches Kolonialreich vom Kap der guten Hoffnung ganz im Süden bis nach Kairo im Norden.
- Frankreich strebt eine Linie von West nach Ost an – von Dakar im Senegal bis Dschibuti.
Faschodakrise und Sudankrise
Die beiden Linien kreuzen sich im sudanesischen Faschoda, wo 1898 die gleichnamige Krise die beiden Großmächte in Stellung bringt. Die Krise endet mit dem Rückzug Frankreichs – der Sudan wird britische Kolonie.
Nach dem Ersten Weltkrieg beanspruchen der ägyptische König sowie die politische Elite Ägyptens den gesamten Sudan als ägyptisches Gebiet und beginnen, anti-britische Demonstrationen und Ausschreitungen zu unterstützen. Die daraus entstehende Sudankrise endet 1924 mit der Niederlage Ägyptens.
"Nach dem Ersten Weltkrieg beanspruchte Ägypten, unabhängig von der britischen Herrschaft, den Sudan. Der ägyptische Herrscher nannte sich nahezu folgerichtig 'König von Ägypten und Sudan'."
Doch auch die siegreichen Briten müssen erkennen, dass ihre Zeit im Sudan abgelaufen ist. Sie belassen zwar auch noch während des 2. Weltkriegs Truppen im Sudan, wollen 1947 aber eine sudanesische Selbstverwaltung als ersten Schritt zur Eigenständigkeit des Landes einrichten.
Unter britisch-ägyptischer Verwaltung beginnt der Übergang zu dieser Selbstverwaltung mit der Juba-Konferenz im Juni 1947. Sie betont die Einheit des Landes, erzeugt allerdings auch Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, welche später zum Bürgerkrieg führen.
Referendum 1952 wird überflüssig
Ägypten beharrt zwar auf seinem Herrschaftsanspruch, ist nach 1948 allerdings zu sehr in den Nahost-Konflikt mit dem neu entstandenen Staat Israel verwickelt, als dass es im Sudan militärisch intervenieren könnte.
1952 wird dann ein Referendum vereinbart, bei dem die sudanesische Bevölkerung wählen soll zwischen der Zugehörigkeit zu Ägypten oder einer vollständigen Unabhängigkeit. Doch das Referendum wird überflüssig, weil sich in Ägypten im gleichen Jahr das Militär unter General Gamal Abdel Nasser an die Macht putscht. Die neue politische Situation macht es Ägypten unmöglich, seine Ansprüche auf den Sudan aufrechtzuerhalten. Das Land wird in die Unabhängigkeit entlassen.
Offiziell verkündet wird die Unabhängigkeit des Sudan am 1. Januar 1956.
Ihr hört in Eine Stunde History:
- Der Historiker und Sudanexperte Roman Deckert berichtet über den Start des Sudan in die Unabhängigkeit und die bald auftretenden Schwierigkeiten.
- Die Politologin Hager Ali vom Hamburger GIGA-Institut beschreibt die Konfliktlinien, die den Sudan bis heute in Kriege und Bürgerkriege verwickelt.
- Die ARD-Korrespondentin in Kairo, Anna Osius, hat den Sudan besucht und schildert die aktuelle Lage des Bürgerkriegslandes.
- Der Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld beschreibt die Kolonialzeit vom 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
- Die Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Nadine Kreuzahler blickt zurück auf die Verkündung der Unabhängigkeit des Sudan am 1. Januar 1956.
Hinweis: Unser Bild oben zeigt Sudans ersten Premierminister Sayed Ismail El Azhari (links) bei einer Pressekonferenz in London am 15.11.1954. Neben ihm sind der sudanesische Justizminister Ali Abd El Rahman und Sozialminister Sayed Yahia Fadly zu sehen. Bei den Parlamentswahlen 1954 gewannen El Azhari und die Nationalpartei die Mehrheit.