Erwachsen werdenWie schaffen wir es, uns endlich von den Eltern zu lösen?

Daniel fällt die Ablösung von seinen Eltern schwer – er beschreibt sich rückblickend als angepasst und konfliktscheu. Ein Auslandsaufenthalt bringt die Veränderung. Der Tipp einer Familienforscherin: autonomer werden, aber verbunden bleiben.

Daniel wächst recht behütet auf. Seine Eltern nehmen sich viel Zeit für gemeinsame Aktivitäten. Im Gegenzug will er es seinen Eltern recht machen und freut sich, wenn er dafür ihre Anerkennung spürt. Er folgt weitestgehend dem, was sie vorleben, ihren Beispielen und Einstellungen. Sein Bruder ist da etwas unangepasster und testet die Grenzen stärker aus.

Daniel definiert sich viel darüber, wie andere ihn sehen – eben zum Beispiel seine Eltern: Sie sehen ihn als jemanden, der engagiert ist und viel leisten kann. Es fällt ihm schwer, nein zu sagen, wenn andere sich etwas von ihm wünschen oder es erwarten. Er hat das Gefühl, dass seine Entscheidungen auch seine Eltern emotional beeinflussen.

"Als ich dann [aus Schweden] zurückkam, hab ich gemerkt: Oh krass, ich trage hier in Deutschland wirklich die ganze Zeit so eine Last mit mir herum: Dass ich mir Gedanken darüber mache, was meine Eltern über mich denken."
Daniel – ihm fiel es schwer, sich von seinen Eltern zu emanzipieren
Ein Auslandssemester in Schweden hat Daniel dabei geholfen, seinen eigenen Weg zu finden.

Um das mit einem Beispiel zu erklären, erzählt Daniel, wie ihm seine Eltern zum 16. Geburtstag eine Gitarre schenken wollten. Er hatte die Wahl zwischen einer Konzertgitarre, die seine Mutter auch spielt, und einer Western-Gitarre mit Stahlsaiten. Er entschied sich für die Western-Gitarre – und fühlte sich dann schuldig, als seine Mutter auf der Rückfahrt im Auto weinen musste.

Schwedentrip bringt Leichtigkeit

Bei einem Auslandsaufenthalt in Schweden während eines Erasmus-Semesters löste sich Daniel ein Stück weit aus all seinen Beziehungen – auch aus seiner Partnerschaft. Der räumliche Abstand brachte auch eine gewisse emotionale Freiheit, und Daniel spürte eine für ihn überraschende Leichtigkeit. Er konnte so sein, wie er wollte, sich authentisch verhalten.

Und er merkte, wie sehr er sich unbewusst damit arrangiert hatte, es anderen recht zu machen und ihren Erwartungen zu genügen.

"Die Bindungstheorie sagt: Je sicherer die Bindung, desto leichter hat man auch andere Beziehungen im Leben. Und desto sicherer fühlt man sich."
Carolin Thönnißen, Familienforscherin

Als er wieder nach Deutschland zurückkommt, fühlt er sich von seinen Eltern distanziert, erzählt Daniel. Und er machte das mit seinen Eltern zum Thema: Er fragt sie, wie sehr er ihren Erwartungen entspreche, und äußert Wünsche und Bedürfnisse. Das hilft ihm sehr dabei, seine Beziehung zu seinen Eltern weiterzuentwickeln und auf eine neue Ebene zu heben.

Ablösung gehört eigentlich nicht mehr zu den Konzepten, mit denen sich die Bindungstheorie befasst, erklärt Familienforscherin Carolin Thönnißen. Denn bei Ablösung gehe es eher um einen großen Knall, um Konflikte und um negative Prozesse. Der eigentliche Fokus bei der Eltern-Kind-Beziehung, wenn Kinder erwachsen werden, liege eher darauf, wie man sich verbunden bleiben kann, während das Kind immer selbstständiger wird.

Eine gute und liebevolle Beziehung zu den Eltern sieht sie beim Aufwachsen nicht als Hindernis, sondern als eine gute Grundlage, die es einem im Leben leichter machen kann, Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen.

"Eine gelungene Ablösung verbessert die Eltern-Kind-Beziehung auf Dauer sogar eher, als wenn man sich nicht ablöst und dauerhaft sehr eng mit den Eltern verbunden ist."
Carolin Thönnißen, Familienforscherin

Dass der Entwicklungsschritt der "Abnabelung" von den Eltern sehr unterschiedlich verlaufen kann und dass jeder Mensch verschiedene Prägungen, Biografien und Lebensverläufe durchlebt, erklärt der systemische Familientherapeut, Björn Enno Hermans. Er sagt, dass es auch sehr unterschiedlich sein kann, was unsere Eltern jeweils mitbringen, wollen und zulassen.

Denn der Ablösungsprozess ist nicht nur etwas, das vom Kind ausgeht, erklärt der Familientherapeut, sondern etwas, das das ganze Familiensystem miteinander bewältigen muss. In den letzten Jahrzehnten hat Björn Enno Hermans beobachtet, dass Eltern emotional zum Teil deutlich mehr in ihre Kinder investiert haben – im Sinne eines "emotional invests", sagt er. Dann könne es allerdings für beide Seiten möglicherweise schwieriger sein, eine gewisse Eigenständigkeit zu gewinnen, so der systemische Familientherapeut.

Wenn erwachsene Kinder selbstständiger werden

Im ersten Moment kann es schon wie ein kleiner Bruch wirken, wenn Kinder eigenständiger werden und dann Dinge möglicherweise für sich behalten und sich mit manchen Themen alleine auseinandersetzen. Vielleicht trifft das erwachsene Kind dann Entscheidungen, die von den Eltern kritisiert werden können. Das müssen sowohl Kinder als auch Eltern aushalten, auch wenn es ein schlechtes Gewissen verursachen – und in diesem Moment dann auch die Beziehung belasten kann.

Wenn das dann aber geschafft ist und man sich ein bisschen in den neuen Positionen zurechtgefunden hat, kann ein solch gelungener Entwicklungsschritt die Beziehung zwischen Eltern und Kind aber auch stärken, ist Björn Enno Hermans überzeugt.