Fan-FictionWarum wir bekannte Storys neu erzählen

Für Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout ist die kreative Freiheit
das Schönste an Fan-Fiction: Alle können sich in dieser Art der
Literatur selbst verwirklichen. Vivian schreibt Fan-Fiction –
phasenweise. Sie mag das konstruktive Feedback und übt für ein Buch.

Fan-Fiction ist ein Phänomen der Popkultur: Serien, Filme oder Bücher, für die sich eine Zielgruppe interessiert, werden in diesem Genre weitergesponnen oder neu erzählt.

Vivian (23) gehört zur Fan-Fiction-Community. Eigentlich macht sie gerade eine Ausbildung zur Erzieherin. Ihr großes Hobby ist aber das Schreiben: Sie liebt Fan-Fiction, hat früher viel zu der Vampir-Saga "Twilight" geschrieben. Heute erfindet sie Geschichten rund um das "Harry-Potter"-Universum oder zu Animes wie "Naruto" oder "Demon Slayer".

"Ich hab mich immer selbst gerne mithilfe eines eigenen Charakters in die Geschichte eingebaut und mir vorgestellt, in dieser Welt zu leben."
Vivian, Fan-Fiction-Autorin

In Foren oder Apps wie "Wattpad" werden Fan-Fiction-Fans fündig: "Dort schreiben viele Menschen ganz unterschiedliche Geschichten – nicht nur zu Serien oder Büchern, sondern auch zu Personen, Youtubern und Stars", erzählt Vivian. Sie selbst ist über diese App zur Fan-Fiction gekommen.

Auch die Internet-Seite "Fanfiction.de" gibt es als App – dort veröffentlicht Vivian ihre Geschichten am liebsten, weil sie konstruktiveres Feedback von ihrer Leserschaft bekommt, wie sie sagt. Und das ist ihr wichtig. Besonders, weil es ihr Ziel ist, einmal selbst ein Buch herauszubringen.

Den Spaß am Schreiben mit anderen teilen

Schon als Kind hat Vivian gern mit Sprache experimentiert. Mit 12 hat sie angefangen, eigene Texte in Fan-Fiction-Foren zu schreiben. Richtig böse Kommentare hat sie zu ihren Texten noch nie bekommen, sagt sie. Diese Foren seien schon eine Art Safe Space und ein Raum, in dem man sich und sein Schreiben entwickeln und verbessern könne.

Vivians erstes Buch soll eine Märchenadaption zu "Die Schneekönigin" werden. Doch bis dahin werde es noch ein paar Jahre dauern, sagt sie. Die Ausbildung geht vor. Dass sie sich irgendwann einmal nicht mehr für Fan-Fiction interessieren wird, kann sie sich kaum vorstellen.

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Bei Fan-Fiction ist alles erlaubt

Annekathrin Kohout betrachtet das Phänomen aus wissenschaftlicher Perspektive. Bei der Fan-Fiction benutzen Fans Material vorwiegend aus der Popkultur, erklärt sie: "Sie formulieren diese Geschichten um, sie schreiben sie fort, sie modifizieren sie. Sie bauen Wünsche, Sehnsüchte, Befindlichkeiten, Errungenschaften – alles, was man sich vorstellen kann – dort ein", so die Kulturwissenschaftlerin. Am Ende werden diese neuen Geschichten veröffentlicht, meist in nicht-kommerziellen Online-Foren.

"Es ist alles erlaubt. Dennoch ist Fan-Fiction immer auch ein bisschen mit Scham verbunden."
Annekathrin Kohout, Kulturwissenschaftlerin

Ein Um- und Weiterschreiben von Literatur gibt es schon lange. Annekathrin Kohout nennt als Beispiel Goethes "Die Leiden des jungen Werther" – eine Erzählung, die bis heute in der Literatur neu geschrieben wird.

An Fan-Fiction schätzt sie die Möglichkeit, sich kreativ auszuleben – für angehende Autorinnen und Autoren sei das interessant. Oft gehe es den Schreibenden aber auch darum, sich selbst und die eigenen Erfahrungen in eine Geschichte einzubringen oder eigene Erlebnisse auf diese Weise zu verarbeiten, so die Kulturwissenschaftlerin.

"Ich glaube, dass es bei den meisten, die Fan-Fiction schreiben, auch darum geht, Alltägliches zu verarbeiten."
Annekathrin Kohout, Kulturwissenschaftlerin

In den Fan-Fiction-Foren könne man daher auch alle möglichen Themen und Textformen finden: Gedichte, Kurzgeschichten oder ganze Romane. Man müsse oft "wahnsinnig lang und viel suchen", meint Annekathrin Kohout, bis man etwas findet, dass einem gefällt.

Die Wissenschaftlerin hat mit Studierenden zu Fan-Fiction gearbeitet und dabei herausgefunden, dass gerade Frauen oft nicht gerne zugeben, wenn sie Fan-Fiction lesen oder schreiben. Vielen sei das peinlich – vermutlich deshalb, weil das Genre kulturell und gesellschaftlich nicht so angesehen ist, so Annekathrin Kohout.