Filme und SerienGeburten werden (so langsam) realistischer dargestellt

Zu laut, zu schnell, zu hektisch: Aus Sicht einer Hebamme haben Geburten in Filmen und Serien selten etwas mit der Realität zu tun. Sie nähern sich ihr jedoch an – das zeigen zum Beispiel deutsche Produktionen wie "Push" oder "Vena".

Hebamme Luise Nowak hat sich schon viele Geburten in Film und Fernsehen angeschaut. Ihr Urteil über die Darstellung fällt hart aus: unrealistisch, verklärt und überdramatisiert – egal ob in Krankenhausserien wie "Grey’s Anatomy" oder bei einer Geburt in einem durchschnittlichen Mainstream-Film.

"Ganz oft gibt es diese dramatischen Entwicklungen, bei denen irgendjemand über den Kopf der Gebärenden hinweg entscheiden muss, ob Mutter oder Kind überleben soll", sagt die Hebamme. "Das ist völlig absurd."

Es geht auch realistischer – oder sogar dokumentarisch

Auch Deutschlandfunk-Nova-Filmexpertin Anna Wollner beobachtet ein wiederkehrendes Muster: "Oft kommt eine hochschwangere Frau mit geplatzter Fruchtblase im Rollstuhl in die Notaufnahme, liegt wenige Sekunden später mit angewinkelten Beinen auf einer harten Liege, presst zweimal unter schrillen Schreien – und kurz darauf ist das Baby da.“

Es geht aber auch anders, sagt Anna Wollner. Eine realistischere Darstellung von Geburten findet sich ihrer Ansicht nach beispielsweise in der ZDF-Serie "Push".

"Die Serie bleibt nah an den Körpern, den Emotionen und den Momenten, in denen alles gleichzeitig passiert: Hoffnung, Angst und Überforderung."
Anna Wollner, Deutschlandfunk-Nova-Filmexpertin

Die Headautorin Luise Hardenberg, selbst Tochter zweier Frauenärzte, versucht in "Push" ein breites Spektrum abzubilden, sagt unsere Reporterin. "Die gezeigten Geburten haben einen dokumentarischen Charakter: mal dramatisch in Beckenendlage, mal einfach nur emotional aufgeladen. Gedreht wird mal mit Puppen, mal mit echten Säuglingen."

"Das ist ja auch total die Chance, einfach eine neue Normalität von Bildern zu erzählen, die ja normal sein sollten."
Luise Hardenberg, Headautorin der Serie "Push"

Die Babys in der Serie sind teilweise erst wenige Tage alt. Gemeinsam mit einer beratenden Hebamme hat das Team intensiv recherchiert und werdende Eltern gefunden, die bereit waren, die Dreharbeiten mit ihren Neugeborenen zu unterstützen.

"Wir hatten dann einen Pool an Babys beziehungsweise Eltern. Manche sind auch mehrmals zum Einsatz gekommen", erzählt Luise Hardenberg. "Es freut mich immer sehr, wenn sie nach dem Drehtag sagen, dass sie sich wohl und sicher gefühlt haben und gerne wiederkommen."

Geburt dokumentarisch begleitet

Die Regisseurin Chiara Fleischhacker ist für ihren Spielfilm "Vena" noch einen Schritt weiter gegangen: Sie hat eine vaginale Geburt dokumentarisch begleitet. Ihr Anspruch war es, ein realistisches Bild einer werdenden Mutter zu zeigen, weil sie es selbst nicht kannte – zumindest nicht, bevor sie Mutter wurde.

"Ich wusste selbst als 21-jährige Frau nicht, wie eine Plazenta aussieht", so Chiara Fleischhacker. "Ich war überrascht, wie die Milch aus der Brust spritzt. Das alles waren für mich fremde Bilder. Ich habe mich gefragt: Warum ist das so mystifiziert? Warum habe ich das noch nie gesehen?"

"Geburt kann ja sehr traumatisch, aber auch sehr positiv empfunden werden."
Chiara Fleischhacker, Regisseurin

Bei "Vena" und "Push" entsteht die Spannung aus der Natur der Sache selbst, findet unsere Reporterin. "Gerade 'Push' zeigt – und darum geht es bei Geburten letztlich auch – nicht nur Kinder, die geboren werden, sondern auch Frauen, die zu Müttern werden: mit Wehen, Schreien, Blut und am Ende einem Säugling."

Für Anna Wollner ist das ein magischer Moment der Wirklichkeit, der so langsam auch in der Fiktion ankommt.