GefühlsregulierungDer Wut nicht die Kontrolle überlassen

"Vollidiot" – ein Wort zu viel, und der Streit wird plötzlich handgreiflich. Das muss nicht sein. Mindfulness-Mentorin Tina Schütze-Fulton übt bereits mit Schulkindern, wie sie es schaffen können, ihr Verhalten nicht von ihrer Wut bestimmen zu lassen.

Es gibt Tage, da passiert direkt morgens etwas Blödes, und das zieht sich dann durch den Tag. Die Zündschnur ist kurz – es braucht nicht viel, damit wir explodieren. Oder wir haben mit jemandem zu tun, der sich immer so verhält, dass es uns auf die Palme bringt. Da reagieren wir schon bei Kleinigkeiten über. Und manchmal kennen wir selbst nicht den Grund dafür, wieso wir so unleidlich sind und plötzlich ausrasten.

In Arztpraxen, bei Feuerwehreinsätzen und in Zügen häufen sich die Situationen, in denen eine Meinungsverschiedenheit ausartet. Beleidigungen, aber auch Körperverletzungen scheinen sich zu häufen. Menschen scheinen immer kompromissloser und immer weniger gesprächsbereit zu sein. Schnell kommt es zu roher Gewalt, es werden auch Gegenstände geworfen oder Waffen kommen ins Spiel. Das kann für Rettungskräfte und für Zugbegleiter lebensgefährlich werden.

Aggressives Verhalten ist normalisiert

Es beginnt mit der Wahrnehmung, sagt die Mindfulness-Mentorin und Buchautorin Tina Schütze-Fulton. Selbst zu schauen, was innerlich in einem vorgeht. Woher kommt die Anspannung, die gereizte Grundstimmung? Tina Schütze-Fulton sagt, dass es wichtig ist, aggressive Reaktionen nicht als normal anzusehen und sie genauso wenig mit der "eigenen Art" zu rechtfertigen, indem man sagt: "Was erwartest du, ich bin halt so."

"Wahrnehmen, wie geht es mir und will ich das eigentlich? Möchte ich so ein Mensch sein? Da geht es los."
Tina Schütze-Fulton, Mindfulness-Mentorin

Es braucht geschützte Räume, fundiertes Wissen und individuell angepasste Übungen, um der normalisierten Aggressivität im Alltag entgegen zu wirken, sagt Tina Schütze-Fulton. Sie hat die Initiative "Metazeit" gestartet, um Schulen als solch einen geschützten Raum zu nutzen. Sie übt mit Schülern, ihre Gefühle wahrzunehmen, und zu lernen, mit ihnen umzugehen. Und auch, wie sie diese bei Bedarf regulieren können.

"Tatsächlich fände ich es großartig, wenn wir das in geschütze Räumen machen und auch mit fundiertem Wissen zum Beispiel."
Tina Schütze-Fulton, Mindfulness-Mentorin

Aber auch zuhause können wir uns diesen geschützten Raum schaffen und uns über unsere Gefühle bewusst werden, sagt die Achtsamkeitsexpertin. Ihr Tipp: Eine Woche lang aufschreiben, was uns nervt oder aus der Haut fahren lässt. Davon lassen sich dann Muster ableiten: Sind es bestimmte Themen oder Menschen, die uns wütend machen oder aus der Haut fahren lassen?

"Vielleicht merkst du auch: Mensch, immer der Uli , der tut mir echt nicht gut. Oder immer der fünfte Espresso lässt mich echt schneller durch die Decke gehen."
Tina Schütze-Fulton, Mindfulness-Mentorin

Zur Regulation dieser Gefühle empfiehlt Tina Schütze-Fulton aber genauso aufzuschreiben, was uns Freude bereitet. Je besser wir uns selbst kennen, desto leichter fällt es möglicherweise, sich zu stoppen, bevor eine Situation eskaliert.

Aktivitäten und Übungen, die uns helfen, die eigenen Gefühle zu regulieren, können sehr unterschiedlich sein, sagt Tina Schütze-Fulton. Da gilt es dann auch, in sich hineinzuhören und zu schauen, was einen guten Ausgleich zum stressigen Alltag bieten und uns vielleicht helfen kann, Gefühle und Gedanken zu ordnen. Das kann alles Mögliche sein, sagt die Mindfulness-Mentorin: Joggen, Krafttraining, Atemübungen, Massagen, Meditation oder auch eine Therapie.