PräventionGewalt in der Notaufnahme: Wenn Patienten ausrasten
Aggressive Patienten erschöpfen Ärztinnen und Ärzte, machen sie gereizt und ängstlich. Das zeigt eine neue Studie. Verbale und körperliche Angriffe gegen Krankenhauspersonal nehmen seit Jahren zu. Kliniken setzen besonders auf Deeskalation.
Sie werden beschimpft, bedroht, geschlagen oder bespuckt – dabei helfen sie anderen: Mediziner*innen und Pfleger*innen in der Notaufnahme und im Rettungswagen. Für Klinikpersonal gehören solche Übergriffe zum Alltag.
"Ich verstehe, dass sich die Menschen in einer Stresssituation befinden, dass sie Angst und Sorgen haben. Mein erster Schritt ist, Verständnis aufzubringen, deeskalierend zu wirken. Aber natürlich geht es auch darum, Grenzen zu setzen."
Krankenhäuser schulen ihre Mitarbeitenden darum in Deeskalation: Verständnis zeigen, Emotionen einfangen, wieder zur Ruhe kommen lassen.
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas hat dazu aktuell das BG Klinikum in Duisburg besucht und ein Deeskalationstraining begleitet. Dabei lernen die Teilnehmenden in Rollenspielen, wie sie Grenzen setzen, Abstand schaffen und ein Gespräch wieder auf eine sachliche Ebene bringen können.
Das Duisburger Klinikum arbeitet seit 2018 an solchen Maßnahmen, um Übergriffen und Gewalt vorzubeugen. Neben den Trainings werden Mitarbeitende nach belastenden Erfahrungen von Psychotherapeut*innen begleitet und auch die Zentrale Notaufnahme wurde baulich angepasst, zum Beispiel durch Sicherheitsglas am Empfang oder Kameras.
Eine Umfrage der DRK Kliniken Berlin unter ihren Beschäftigten zeigt, dass die Deeskalationstrainings wirken. Das Klinikpersonal dort fühlte sich dadurch deutlich sicherer.
Die Aggression erschöpft
Eine aktuelle Studie aus den USA macht deutlich, welche Folgen es haben kann, wenn Ärzt*innen mit belastenden Erfahrungen und negativen Gefühlen alleine gelassen werden. Danach können dadurch Gesundheitsproblemen wie ein Burn-out entstehen.
Wenn Patient*innen gereizt sind, herumschreien oder beleidigend werden, werden die Ärzt*innen in der Notaufnahme selbst gereizt, wütend oder ängstlich. Sie sind schneller erschöpft, vor allem in Situationen, in denen sie sich unsicher fühlen.
Laut der Studie unterstellen sie aggressiven Patient*innen auch, in gewisser Weise unzuverlässig zu sein und beispielsweise Schmerzen schlimmer dazustellen, als sie es tatsächlich sind oder nicht alle Beschwerden zu nennen. Verbale und körperliche Angriffe machen Ärzt*innen weniger empathisch.
"Letztendlich ist es erst mal unsere Aufgabe, jeden Patienten so gut, wie es ihm zusteht, zu versorgen. Aber wie das in jedem Umfeld ist: Wenn ich selber verärgert bin oder wenn ich selber gestresst bin, dann schränkt das auch meine Entscheidungskompetenz ein. Daran müssen wir jeden Tag arbeiten", sagt Marc Zellerhoff von Arbeitsgemeinschaft Notärzte in Nordrhein-Westfalen. Er ist selbst Notarzt und kennt belastende Situationen durch aggressive Patient*innen.
Deeskalation auf allen Seiten
Er hält Deeskalationstrainings für wichtig. Marc Zellerhoff findet aber auch, dass noch mehr getan werden sollte. Zum Beispiel Studis und Azubis in der Ausbildung schon auf Stresssituationen vorbereiten und mehr auf die generelle Arbeitsbelastung von Rettungskräften achten. Wer solche Situationen vor allem auch beeinflussen kann, sind die Patient*innen selbst.