Smart GlassesWas wir gegen heimliche Aufnahmen tun können
Erst ist es ein aufdringlicher Flirtversuch, später merkt Miriam: Der Typ hat sie wohl mit Smart Glasses gefilmt und alles bei Instagram hochgeladen – ohne ihre Zustimmung. Für Betroffene ist es mühsam, sich zu wehren. Das könnte sich ändern.
Es läuft immer ähnlich ab. Wir sehen, was der Filmende sieht: Er geht auf eine oder mehrere Frauen zu und spricht sie an. Unter dem Hashtag #Rizz, der für Charisma steht, werden die Videos bei Tiktok, Instagram oder auf anderen Plattformen hochgeladen. Ob die Frauen wissen, dass sie gefilmt werden, ist oft unklar. Miriam, Dj und Model aus Berlin, wusste es nicht.
Smart Glasses als Flirtfalle – Miriam wird heimlich gefilmt
Miriam war in New York unterwegs, als ein junger Mann mit einer Brille auf sie zukam. Kurz bevor er sie ansprach, hat er seine Brille angehoben, erzählt Miriam. Zunächst habe sie das für eine Flirtgeste gehalten im Sinne von: I see you! Heute ist sich Miriam sicher, dass er in dem Moment die Aufnahme gestartet hat.
"Er hat mich dann mit Komplimenten zugepflastert, es war alles viel zu schnell."
Bevor er sich überhaupt vorgestellt hat, hielt er ihr sein Handy hin, überschüttete Miriam mit Komplimenten, fragte nach ihrer Nummer und umarmte sie auch noch ungefragt, so die Berlinerin. Völlig überrumpelt von der Situation habe sie ihm sogar ihre Nummer gegeben. Heute bereut sie das und hätte mit etwas mehr Zeit in vielen Punkten anders reagiert.
Erst später habe Miriam das entsprechende Reel mit ihr entdeckt und erkannt, dass sie heimlich gefilmt worden ist. Rückblickend sei ihr klar geworden, wie übergriffig die Situation gewesen sei. Der Mann habe durch die erzeugte Verwirrung letztlich sein Ziel erreicht: ihre Telefonnummer zu bekommen und gleichzeitig Klicks und Aufrufe für Social Media zu generieren, sagt Miriam.
"Dass mit meinem Körper ohne meine Zustimmung, Traffic generiert wird, finde ich absolut disrespectful."
"Ich wurde da einfach völlig ausgenutzt", meint Miriam. Dass ohne ihre Zustimmung Geld oder Reichweite generiert wird, findet sie respektlos. Den Vorfall hat sie dann in ihrer Instagram-Story öffentlich gemacht.
Die Reaktion der Community habe sie überwältigt. Viele Menschen hätten den Beitrag gemeldet. "Ich hatte selber nicht die Energie dazu", sagt sie – auch, weil Instagram keine passende Meldekategorie angeboten habe.
Gemeinsam hätten sie schließlich erreicht, dass der Account des Mannes mit rund 150.000 Followern entfernt wurde. Mit den anderen Plattformen habe sie sich noch nicht beschäftigt. Sie sei zunächst viel zu wütend gewesen und habe die Situation erst einmal verarbeiten müssen.
Die Rizzfluencer-Szene: Flirten, filmen, posten
Doch warum filmen Leute andere heimlich und stellen die Videos ins Netz? Die Journalistin Tasnim Rödder hat sich in einer Doku mit der sogenannten Rizzfluencer-Szene beschäftigt. Wie groß das Phänomen ist, lässt sich nur schwer sagen, sagt sie. Allein der Hashtag #Rizz hat auf Instagram rund 980.000 Beiträge.
In den Videos sieht man meist durch die Smart-Glasses-Perspektive, wie Männer Frauen auf der Straße, im Fitnessstudio, am Strand oder in Restaurants ansprechen, so die Journalistin. Die Szenen reichen von billigen Anmachsprüchen über Küsse bis zum Austausch von Telefonnummern. Fast immer seien die Männer die Filmenden und Frauen die gefilmten.
"Sie werden angesprochen von den Männern – nicht nur auf der Straße, auch in Fitnessräumen, am Strand, in Restaurants."
Für ihre Doku hat Tasnim mit einem Rizzfluencer gesprochen. Omar ist Anfang 20, arbeitet in einer Bar und hat zunächst als Fitness-Influencer angefangen. Nachdem seine heimlich gefilmten Anmachvideos schnell viele Follower gebracht hatten, hat er sich ganz auf diesen Content konzentriert, so die Journalistin.
Omar scheint vor allem die Bestätigung seiner Community zu suchen, meint Tasnim. Ihm mache das Spaß und er sehe kaum ein Problem darin, Frauen zu filmen. Beschwerden gebe es zwar, doch er wolle den Frauen mit Komplimenten eigentlich nur einen schönen Tag machen. Tasnim dagegen findet: "Für mich wäre das eher eine Minimierung auf mein Äußerliches."
Die Kamera läuft, aber niemand soll es sehen
Rizzfluencer sind teilweise in der Pick-Up-Artist-Szene unterwegs. Mit Anleitungen im Netz kleben manche extra das Licht auf der smarten Brille ab, das angeht, sobald gefilmt wird. So können sie theoretisch überall Aufnahmen machen: im Fitnessstudio, in Umkleiden, in der Sauna.
Zwei Petitionen wollen die Brillen komplett verbieten. Die Organisation HateAid hat Strafanzeige gegen Meta, Ray Ban und verschiedene Optiker gestellt und fordert ein Verkaufsverbot für eine bestimmte Brille.
Und auch das Justizministerin um Stefanie Hubig (SPD) hat angekündigt, ein neues Gesetz auf den Weg zu bringen, um Frauen besser vor voyeuristischen und sexualisierten Aufnahmen zu schützen.
Eine heimliche Aufnahme kann strafbar sein
Wie Frauen sich heute schon wehren können, erklärt der Rechtsanwalt Michael Terhaag aus Düsseldorf. Er hat sich auf Themen rund um das Internet spezialisiert und sich auch sehr früh mit solchen Brillen auseinandergesetzt. "Ich wusste sofort, dass die interessant werden", sagt er.
"Das Filmen in der Umkleidekabine, in besonders geschützten Räumlichkeiten, Wohngebäuden oder in der privaten Wohnung ist per se strafbar."
In besonders geschützten Bereichen wie Umkleidekabinen oder Wohnungen ist heimliches Filmen grundsätzlich strafbar, so der Anwalt. Gleiches gelte beim sogenannten Upskirting, etwa wenn gezielt unter den Rock oder in den Ausschnitt gefilmt werde. Ob die Aufnahme anschließend veröffentlicht wird, spiele dabei keine Rolle.
Zivilrechtlich geschützt, strafrechtlich nicht immer
Anders sieht es bei einer Frau im Bikini am Badesee aus: Zivilrechtlich sei das heimliche Filmen unzulässig, strafrechtlich aber nicht automatisch relevant. Auch das Abkleben der Kontrollleuchte an Smart Glasses ist für sich genommen nicht strafbar, obwohl dadurch verhindert wird, dass Betroffene das Filmen bemerken, so Michael.
Wer heimlich in einem Café oder auf der Straße gefilmt wurde, könne zivilrechtlich verlangen, dass die Aufnahme gelöscht und nicht weiterverbreitet werden. Unter Umständen bestehe auch Anspruch auf Schadensersatz.
"Um den zivilrechtlichen Kram muss ich mich selber kümmern. Da muss ich denjenigen ansprechen oder einen Anwalt beauftragen. Da hat die Polizei nichts mit zu tun."
Bei einer Straftat, wie das Filmen in Geschützen Räumen, kann Anzeige bei der Polizei gestellt werden. Für zivilrechtliche Ansprüche müsse man selbst sorgen – notfalls mit anwaltlicher Hilfe, die Polizei helfe da nicht.
Schadensersatz bei einer bloßen Aufnahme ist meist auf konkrete Kosten begrenzt, etwa für einen Anwalt. Beim Schmerzensgeld muss dagegen ein tatsächlicher gesundheitlicher Schaden nachgewiesen werden, etwa durch Schlafprobleme, sagt der Jurist. Dafür könne ein ärztliches Attest nötig sein.
Mehr Schutz statt Komplettverbot
Ein generelles Verbot von Smart Glasses hält der Anwalt für problematisch, weil die Brillen auch viele erlaubte und tolle Einsatzmöglichkeiten haben. Sinnvoller seien die gezielten und geplanten gesetzlichen Verschärfungen – die Ausweitung besonders geschützter Orte wie Saunen zum Beispiel. Ansonsten bietet das Zivilrecht bereits einen guten Schutz, meint Michael. Für das Einschreiten der Polizei brauche es immer einen Straftatbestand.
"Wenn ich mit normalen Filmaufnahme zur Polizei gehe, schickt die mich nach Hause, die braucht Strafgesetze."
Bei Straftaten sind je nach Fall Geldstrafen von mehreren hundert oder sogar tausend Euro möglich, so der Anwalt. Entscheidend sei auch die finanzielle Situation des Täters. Bei besonders schweren oder wiederholten Fällen drohe per Gesetz sogar eine Freiheitsstrafe.
Tipp vom Anwalt: Beweise sichern
Betroffenen rät Michael Terhaag vor allem, Beweise zu sichern: Screenshots machen, Zeugen hinzuziehen und alles dokumentieren. Anschließend könne man sich auch an den Täter und an die Plattform wenden. Social-Media-Anbieter müssen entsprechende Beschwerden prüfen und unzulässige Inhalte grundsätzlich entfernen.
"Ich würde Beweise sichern, Screenshots machen. Es kann ja sein, dass derjenige das dann wieder rausnimmt."
Laut einer Stellungnahme will Meta daran arbeiten, Smart Glasses so weiterzuentwickeln, dass die Kamera automatisch deaktiviert wird, wenn das Warnlicht abgeklebt oder beschädigt wurde. Allerdings gibt es im Netz bereits Anleitungen, wie sich solche Schutzmechanismen umgehen lassen. Tiktok verweist auf seine Community-Richtlinien und das Datenschutzportal.
Damit bleibt es derzeit vergleichsweise einfach, Menschen heimlich mit Smart Glasses zu filmen und die Aufnahmen online zu verbreiten. Für Betroffene ist es dagegen deutlich aufwendiger, dagegen vorzugehen – auch wenn Täter*innen bereits bestraft werden können.
"Das hat wirklich was Dystopisches und es macht keinen Spaß, sich als Frau im öffentlichen Raum zu bewegen."
Miriam verfolgt die politischen Entwicklungen um die Gesetzgebung aufmerksam und begrüßt, dass das Thema zunehmend in den Fokus rückt. Sie ist dankbar, dass sich etwas tut, sagt sie. Es habe etwas Dystopisches, wenn Frauen sich im öffentlichen Raum ständig fragen müssten, ob sie heimlich mit Smart Glasses gefilmt werden.