Immer AblenkungWie sind wir besser mit unseren Gedanken alleine?
Die erste eigene Wohnung in einer neuen Stadt und viel Zeit alleine, weil sie eine Fernbeziehung führt: Für Lisa ist das gewöhnungsbedürftig. Mit Podcasts blendet sie die Stille aus. Wir können Alleinsein üben, sagt eine Entwicklungspsychologin.
Lisa hat bis zu ihrem Umzug nach Wien immer in WGs gewohnt. Ihr Freund arbeitet in Deutschland – dadurch sind die beiden immer vier bis sechs Wochen getrennt. Lisa studiert noch nicht lange in Wien, deshalb kennt sie noch nicht so viele Freunde. Ihre alten Freunde sind alle ziemlich eingebunden, deshalb bleibt wenig Zeit sich auszutauschen, sagt sie. Und so verbringt Lisa zurzeit viel Zeit alleine in ihrer ersten eigenen Wohnung.
"Ich habe eher davor Angst, mit meinen Gedanken und Gefühlen alleine zu sein."
Beim Kochen oder beim Duschen hört sie gerne nebenbei einen Podcast oder schaut eine Serie. Lisa sagt, es verdrängt die Stille, wenn sie andere Stimmen hört; es gibt ihr das Gefühl, nicht allzu sehr alleine zu sein. Lisa nennt das "parasoziale Beziehungen", die sie zu Seriencharakteren entwickelt. Damit kompensiere sie, was ihr gerade im Alltag fehlt.
"Ich hab das früher auch ganz krass gemacht, wenn ich zum Beispiel duschen war oder mir etwas gekocht habe, es lief immer irgendetwas."
Lisa ist sich ihrer Vermeidungstaktik sehr bewusst. Sie weiß, dass die "Geräuschkulissen", die sie entstehen lässt, eine Leere fülllen sollen. Aber sie will nicht nur Fehlendes kompensieren, manchmal will sie auch Gedanken und Sorgen ausblenden, indem sie sich durch Streamingangebote ablenkt.
"An manchen Tagen habe ich den ganzen Tag in der Wohnung verbracht und versucht, Zeit totzuschlagen, weil ich zu der Zeit auch nicht genau wusste, wohin mit mir, wie soll es weitergehen?"
Lisa schämt sich auch dafür, wenn sie alleine Zeit verbingt, aber nicht wirklich etwas damit anzufangen weiß. Sie bekommt dann ein schlechtes Gewissen und fühlt sich wie ein "Loser", erzählt sie. Sie merkt auch, dass es ihr nicht guttut, wenn sie den ganzen Tag die Wohnung nicht verlässt. Sie versucht morgens, wenn sie Zeit hat, ins Fitnessstudio zu gehen und zu trainieren, weil sie merkt, dass ihre Laune dadurch besser wird.
Wer allein sein kann, ist resilienter
Medienkonsum ist bei jungen Menschen die Nummer eins unter den Freizeitaktivitäten, sagt Kilian Hampel. Er ist Sozialwissenschaftler und Mitautor der "Jugendtrendstudie 2026". Neben dem Streamen zählen zum Medienkonsum auch Beschäftigungen wie Gaming, aber auch Lesen.
Abgesehen von der Zeit, die man beiläufig alleine verbringt, zum Beispiel im Homeoffice, beim Pendeln zur Arbeit oder auch im Single-Haushalt, gibt es auch den Trend zur bewusst geplanten Me-Time, sagt der Sozialwissenschaftler. Als Beispiele dafür nennt er Erholung, Sport, Fokusarbeit und Achtsamkeit. Wichtiger als die Dauer ist für Kilian Hampel die Qualität der Zeit, die man alleine verbringt.
"Wer gut allein sein kann, ist sozial und mental resilienter. Ich glaube schon, dass Alleinsein-können eine Schlüsselkompetenz dieser Zeit ist."
Wenn es um das Alleinsein geht, ist es erst einmal wichtig, sich klarzumachen, dass Menschen sehr soziale Wesen sind, sagt die Entwicklungspsychologin Susanne Bücker. Als Stichwort bringt sie den Vergleich zu Herdentieren. Evolutionsbedingt ergebe das auch Sinn, sagt sie. Die soziale Gruppe war wichtig für das Überleben Einzelner.
Dass manche Menschen besser alleine sein können als andere, sieht sie in der Biografie begründet. Für Menschen, die als Kind alleine gelassen oder ausgegrenzt wurden, kann es möglicherweise schwieriger sein, als Erwachsene alleine zu sein, sagt sie.
"Es kann schon sein, dass man Gefühle nicht zulassen möchte und sich deshalb auch mit dem Kontakt zu anderen ablenkt und dabei auch ein Stück weit den Kontakt zu sich selbst verliert"
Manchmal kann es auch ein Stück weit eine Vermeidungsstrategie sein, wenn man sich beim Alleinsein immer Ablenkung sucht, sagt sie. In sich hinein zu hören und sich zu fragen: "Wie geht es mir denn?", kann für Menschen, die eher zur Vermeidung neigen, eine Herausforderung sein. Viele fühlten sich dadurch erst einmal verunsichert, sagt Susanne Bücker.
Aber die Entwicklungspsychologin macht auch Mut: Denn Alleinsein kann geübt werden, sagt sie. Susanne Bücker empfiehlt, eine Ranking-Liste zu notieren, die Dinge enthält, die man sich alleine trauen würde, und andere Dinge, die man auf keinen Fall alleine unternehmen würde.
Zum Beispiel abends alleine essen zu gehen, alleine in den Urlaub zu fahren oder alleine ins Kino zu gehen. Wenn man die Liste fertig hat, kann man sich zunächst etwas Einfaches raussuchen und ausprobieren, wie diese Erfahrung für einen ist. Susanne Bücker empfiehlt, bei dieser Übung auch das Handy beiseite zu legen und das einfach mal auszuhalten.
Sie hält es für eine wichtige Kompetenz und eine Form der Unabhängigkeit, alleine sein zu können. Jetzt alleine sein zu üben, kann eine wichtige Vorbereitung auf spätere Lebensphasen sein, in denen man möglicherweise alleine sein muss, sagt die Entwicklungspsychologin.