Immer noch zu HauseWann sollten wir ausziehen?
Meliha ist 30 und wohnt noch zu Hause. Sie fühlt sich bei ihren Eltern wohl, merkt aber auch, dass ihr Umfeld komisch reagiert. Doch wann sollten wir eigentlich ausziehen? Und wie lernen wir, selbstständig zu werden, wenn wir noch zu Hause wohnen?
Meliha, 30, ist schon dreimal von zu Hause ausgezogen – zum Beispiel für ein Praktikum – und danach immer wieder zurückgekehrt. Auch, weil es schwierig war, eine Wohnung zu finden. Lange hatte sie immer wieder den Gedanken, dass sie ausziehen und selbstständig werden muss. Irgendwann kam es bei ihr aber zu einem Perspektivwechsel.
Dankbar, zu Hause wohnen zu können
"Letztes Jahr war ich an so einem Punkt, an dem ich verstanden habe, was es eigentlich für ein Geschenk ist, zu Hause zu wohnen", erzählt Meliha. "Davor habe ich mich selbst schon ein bisschen unter Druck gesetzt oder mich zumindest unter Druck gesetzt gefühlt."
Super Verhältnis zu den Eltern
Dieser Druck kam nicht von ihren Eltern, sagt Meliha, sondern eher von der Gesellschaft. Dabei genießt sie jeden Moment, den sie mit ihren Eltern verbringen kann. Sie wohnt einfach gerne bei ihnen. "Niemand redet mir rein, was ich machen soll. Ich habe meinen eigenen Raum und meine Zeit für mich. Dementsprechend fühle ich mich zu Hause auch total wohl."
"Es ist ein sehr harmonisches Miteinander. Wir haben wirklich ein sehr, sehr gutes Verhältnis. Meine Mama ist wie meine beste Freundin. Mit meinem Papa verstehe ich mich super."
Meliha sagt, dass sie schon immer eher selbstständig war und ihren Eltern auch nicht zur Last fallen möchte. So zahlt sie beispielsweise Geld in die Haushaltskasse ein.
Gleichzeitig weiß Meliha, dass sie auf den Rückhalt ihrer Eltern zählen kann. "Ich weiß, dass meine Eltern immer hinter mir stehen und sozusagen mein Sicherheitsnetz sind. Aber ich sitze jetzt auch nicht auf ihrer Tasche. Ich unterstütze meine Eltern, wo ich kann, und schaue schon, dass ich einfach mein eigenes Ding mache."
Keine Probleme mit Dating
Für Meliha lässt sich das Thema Dating gut damit vereinbaren, dass sie noch zu Hause wohnt – auch, weil sie momentan gar nicht wirklich datet. "Ich bin nicht auf Dating-Apps und auch nicht darauf aus, jemanden kennenzulernen, weil das einfach noch nie meine Priorität war", erzählt sie. "Und das spielt mir auch super in die Karten, wenn ich zu Hause wohne, weil es sonst ein bisschen schwierig werden würde."
Kann man zu Hause erwachsen werden?
Aber können wir wirklich selbstständig und erwachsen werden, wenn wir mit Ende 20 oder Anfang 30 noch zu Hause wohnen? Meliha findet: Das ist Typsache.
Es gibt Menschen, die ziehen aus und sind immer noch unselbstständig. Dann gibt es aber auch Personen wie mich, die schon immer relativ selbstständig waren und trotzdem zu Hause wohnen."
Für Meliha ist das im Moment die ideale Lebenssituation. Sollte sich in den nächsten Jahren etwas an ihren Bedürfnissen ändern, ist sie aber auch offen dafür, auszuziehen, sagt sie.
Die meisten jungen Menschen ziehen im Alter zwischen 19 und 25 Jahren von zu Hause aus, sagt Thomas Körner. Er leitet das Referat für Bevölkerung, statistische Auswertungen und Analysen aus dem Mikrozensus beim Statistischen Bundesamt. Laut dem Statistikamt der EU, Eurostat, lag das durchschnittliche Auszugsalter in Deutschland bei 24,1 Jahren. Damit liegen wir leicht unter dem EU-Durchschnitt von 26,3 Jahren. Männer wohnen im Schnitt außerdem etwas länger zu Hause als Frauen.Junge Leute in Süd- und Osteuropa ziehen besonders spät aus
Junge Menschen in Nordeuropa ziehen dagegen im Schnitt noch früher von zu Hause aus als in Deutschland. Deutlich später ist der Auszug in Süd- und Osteuropa. Am höchsten war das durchschnittliche Auszugsalter in Kroatien mit 31,5 Jahren. Für Thomas Körner spielen dabei kulturelle, aber auch ökonomische Faktoren eine Rolle. "Dass es einfach schwieriger ist, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen oder vielleicht eine eigene Wohnung zu finden", sagt er.
In einigen Fällen kann es allerdings auch das Erwachsenwerden bremsen, wenn Kinder länger zu Hause wohnen, sagt Anke Lingnau-Carduck. Sie ist Diplom-Sozialpädagogin, systemische Beraterin und Therapeutin. Sie rät beispielsweise dazu, es sich nicht zu bequem zu machen, sondern bewusst erwachsene Aufgaben im elterlichen Haushalt zu übernehmen."Dass nicht immer nur Mama die Wäsche macht, sondern dass ich das auch mal mache."
Generell sollte offen darüber gesprochen werden, wie der Haushalt aufgeteilt wird und an welchen Kosten sich die Kinder beteiligen können. "Für die Eltern bedeutet das, dass sie ihren gewohnten Dialog, den sie vielleicht klassischerweise zu zweit führen, sozusagen öffnen müssen. Und ich als Kind müsste mich proaktiver einbringen", sagt die Therapeutin.
Wann ist es Zeit, auszuziehen?
Es gibt aber durchaus Anzeichen dafür, dass es an der Zeit ist, sich eine eigene Wohnung zu suchen, findet Anke Lingnau-Carduck. "Vielleicht gibt es Bedürfnisse und Wünsche, die mich eines Tages dazu bringen, dass ich es möchte: mal woanders leben, mit jemand anderem zusammenleben. Vielleicht entsteht auch das Bedürfnis, jetzt gerne mal ganz für mich sein zu wollen."
Kritisches Feedback aus dem eigenen Umfeld
Manchmal sind wir uns aber auch unsicher, wann es wirklich Zeit ist, auszuziehen. Die Therapeutin empfiehlt, sich darüber im Freundeskreis oder mit Kolleg*innen auszutauschen. Außerdem sollten wir damit rechnen, dass unser Umfeld kritisch darauf reagiert, wenn wir immer noch zu Hause wohnen.
"Ich höre oft, dass es kritische Nachfragen gibt, die mich dann vielleicht wieder unter Rechtfertigungsdruck setzen. Ich sollte mich aber bemühen, offenzubleiben, das erst einmal wertfrei anzunehmen und selbst zu prüfen", betont Anke Lingnau-Carduck.