Israels BlockadeWarum fehlendes Motoröl in Gaza Leben bedroht

Israel entscheidet über Lieferungen nach Gaza. Zeltstangen kommen nicht hinein, weil sie von der Hamas als Waffen genutzt werden könnten. Gleichzeitig fehlen Motoröl und Wasser, auch die medizinische Versorgung ist eingeschränkt.

Ein Liter Motoröl kostet in Deutschland derzeit rund 15 Euro. In Gaza kostet er 1.300 US-Dollar. Das sagt Ahmad Abu Warda, der als Arzt in Gaza arbeitet. Im Krankenhaus wird es dringend gebraucht, um über Generatoren Strom zu erzeugen. Denn ohne Strom gibt es keine Operationen und keine im Ansatz adäquate Versorgung von Patient*innen.

Ahmad Abu Warda ist Arzt im Nasser-Krankenhaus in der Stadt Chan Junis. Es ist eines der wenigen Krankenhäuser, die noch in Betrieb sind. Dort leitet er einen Klinikbereich von Ärzte ohne Grenzen.

"In Gaza läuft inzwischen alles über Generatoren, also es gibt keine anderen Stromquellen. Deshalb ist Motoröl sehr wichtig und entscheidend."
Ahmad Abu Warda, Arzt im Gazastreifen

Die medizinische Versorgungslage ist in Gaza seit jeher schwierig und seit Monaten katastrophal. Darauf weisen internationale Hilfsorganisationen immer wieder hin.

Seit Ende 2025 haben Ärzte ohne Grenzen keine Genehmigung mehr, in Gaza zu arbeiten. Die Organisation hatte sich geweigert, private Daten über ihre Mitarbeitenden an die israelische Regierung weiterzugeben. Daraufhin mussten alle internationalen Teams aus dem Gazastreifen abziehen. Die Folge: Internationales medizinisches Personal darf nicht mehr in Gaza arbeiten. Außerdem dürfen Ärzte ohne Grenzen keine Hilfsgüter mehr liefern.

Und so fehlt es in Gaza an Ärzt*innen, vor allem an plastischen Chirurgen, aber auch an Medikamenten und medizinischem Equipment. Außerdem fehlt es an Motoröl.

Die Einfuhr von Motoröl und Ersatzteilen wird seit sehr langer Zeit blockiert, berichtet Ahmad Abu Warda. Viele öffentliche Verkehrsmittel stehen deswegen still.

Auf seine Arbeit im Krankenhaus wirke sich das folgendermaßen aus: "Es gibt jetzt einen Zeitplan für Stromabschaltungen, bei dem nur noch die lebenswichtigen und essenziellen Bereiche wie Intensivstation, Neugeborenenstation und die Operationssäle am Laufen gehalten werden."

Schon jetzt kommt es vor, dass Generatoren ausfallen, berichtet der Arzt. Wenn sich nichts an der Blockade ändert, rechnet er damit, dass das künftig viel häufiger passieren werde.

"Ohne Strom können wir nicht arbeiten – keine Intensivstation betrieben, keine OP durchführen, keine essenzielle Patientenversorgung sicherstellen."
Ahmad Abu Warda, Arzt im Gazastreifen

Waffenruhe nur noch auf dem Papier

Offiziell herrscht seit Oktober 2025 Waffenruhe zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas. Allerdings soll es palästinensischen Angaben zufolge seitdem fast 1.300 Tote durch israelische Angriffe gegeben haben, darunter viele Frauen und Kinder.

Außerdem weitet die israelische Regierung das Gebiet, das sie im Gazastreifen kontrolliert, weiter aus. Von den gut zwei Millionen Einwohnern leben rund 1,7 Millionen in Notunterkünften.

Lebenswichtige Güter wie Wasser und Medikamente fehlen

Doch es gibt auch Bereiche, die sich verbessert haben, zum Beispiel bei der Lebensmittelversorgung. Das hat die Hungerkrise weitgehend entschärft, sagt Jan-Christoph Kitzler, ARD-Korrespondent in Tel Aviv.

Auf der anderen Seite fehle es weiterhin an vielem, vor allem im Bereich Infrastruktur und Medizin. Neben Motoröl mangelt es an Ersatzteilen für alle möglichen Dinge wie Wasserleitungen und Filter, um Meerwasser zu entsalzen und in Trinkwasser umzuwandeln. Denn es gebe bei Weitem nicht genug Wasser, so der Korrespondent. "Laut den Vereinten Nationen steht den meisten Familien im Gazastreifen pro Tag weniger als sechs Liter Wasser zur Verfügung." Das reiche kaum zum Kochen, Waschen und für die Körperhygiene.

"Wenn verhindert wird, dass Motoröl reinkommt, trifft man womöglich die Hamas, aber eigentlich trifft man die ganze Bevölkerung."
Jan-Christoph Kitzler, Korrespondent im ARD-Studio Tel Aviv

Israel: Güter mit "doppeltem Nutzen" können gefährlich sein

Israel begründet den Einfuhrstopp folgendermaßen: Nichts soll in den Gazastreifen gelangen, was Terrorgruppen wie der Hamas nutzen könnte. Dazu gehören Waffen, aber eben auch Güter mit sogenanntem "Dual Use", also Gegenstände mit einem potenziell doppelten Nutzen, beispielsweise ein Skalpell. Statt für eine Operation könnte es für einen Angriff auf israelische Soldaten genutzt werden. Motoröl hingegen könnte nicht nur für Generatoren im Krankenhaus oder Flüchtlingscamp, sondern genauso gut von der Hamas genutzt werden.

"Es ist belegt, dass Wasserrohre, die nach Gaza geliefert wurden, für den Bau von Raketen verwendet wurden."
Jan-Christoph Kitzler, Korrespondent im ARD-Studio Tel Aviv

Das Gegenargument lautet: Es ist keine Option, keine Wasserrohre nach Gaza zu liefern, weil den Menschen vor Ort dadurch der Zugang zu Wasser abgeschnitten wird.

Ist die Unterversorgung in Gaza politisches Kalkül?

Israel lässt sich auf diese Argumentation nicht ein und weist außerdem die Kritik von internationalen Hilfsorganisationen und der UN zurück. Im Gegenzug präsentiert die israelische Regierung Listen, auf denen steht, wie viele Tonnen Nahrung, wie viele Zelte und medizinisches Material täglich auf Lkw in den Gazastreifen gelassen werden.

Menschenrechts- und Hilfsorganisationen halten dagegen: Vor Ort fehle es weiterhin am Nötigsten. Die Folge: Aufgrund der fehlenden Versorgungslage würden Operationen ohne Anästhesie durchgeführt.

Dabei ließen sich die medizinische und hygienische Situation genauso wie die Infrastruktur verbessern, wenn Israel die benötigten Hilfsgüter hineinlassen würde, argumentieren Hilfsorganisationen. Dass Israel nicht einmal die Einfuhr von Anästhetika oder Krebs- und Diabetesmedikamenten ohne Weiteres ermögliche, lasse darauf schließen, dass die Versorgungsknappheit womöglich strategisch gewollt sei, sagt Jan-Christoph Kitzler.

"Ich glaube, es ist die israelische Politik, die Situation in Gaza ein bisschen am Abgrund zu halten, damit die Hamas schließlich aufgibt."
Jan-Christoph Kitzler, Korrespondent im ARD-Studio Tel Aviv

Möglicherweise hofft Israel auch, dass die Menschen im Gazastreifen gegen die Hamas aufbegehren, so der Korrespondent. Doch Stand jetzt sehe es eher so aus, dass eine ganze Bevölkerung, darunter viele junge Menschen, Frauen und Kinder, aufgrund dieser Politik leidet.

Laut Jan-Christoph Kitzler könnte die katastrophale humanitäre Lage in Gaza andauern – vielleicht sogar über Jahre. Denn bisher gibt es keine Signale für ein Umschwenken Israels. Die USA wiederum verstärken ihren Druck nicht, doch genau das bräuchte es, so der Korrespondent.

Auch Ahmad Abu Warda, dessen Krankenhaus in der Vergangenheit immer wieder Ziel von israelischen Angriffen war, sagt, er habe kaum Hoffnung, dass die Lage sich verbessert: "Wir versuchen alle Risiken zu vermeiden, soweit das möglich ist. Ansonsten machen wir unsere Arbeit und unseren humanitären Einsatz. Wir haben keine andere Wahl."