KinderkrebspatientenAllein gelassen mit den Spätfolgen

80 Prozent der Kinder, bei denen Krebs diagnostiziert wird, überleben. Viele haben aber mit den Folgen der Chemo- und Krebstherapie ein Leben lang zu kämpfen. Die Krankenkassen zahlen keine Nachsorge.

Tanja ist heute 34 Jahre alt, arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten und führt ein ganz normales Leben. Eigentlich. Mit 16 wurde bei ihr Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Es folgte eine monatelange Tortur aus Chemotherapie und Giften, die von Ärzten in ihren Körper eingeleitet wurden. Davon war Tanja übel und sie musste sich ständig übergeben.

"Irgendwann hab ich nur mega Halsschmerzen gekriegt, dadurch dass ich von Kinn bis Bauchnabel bestrahlt wurde. Mein Hals wurde furchtbar wund innen, musste ständig Salbeitee gurgeln, konnte fast nicht schlucken."
Tanja Güntert über die direkten Folgen der Krebstherapie mit 16
Tanja Güntert heute, auf ihrem Lieblingsplatz in Freiburg

Fürs Gesundwerden zahlt der Körper quasi einen hohen Preis. Bestrahlung, Chemotherapie, Operationen: Das hat Folgen, bestätigt auch Annika Pierce von der Freiburger Uniklinik. Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass die heftigen Eingriffe einer Krebstherapie den Leuten ihr ganzes Leben lang Probleme machen, zum Beispiel mit dem Herzen, mit der Lunge oder den Knochen. Es ist, als ob die ehemaligen Patienten schneller alt werden.

"Es kann deutlich früher als bei anderen Menschen zu Verkalkungen bis hin zum Herzinfarkt oder Schlaganfällen komme."
Dr. Annika Pierce kümmert sich um Krebspatienten, nachdem sie wieder als gesund gelten

Oft sind Menschen, die früher einmal Krebs hatten, einfach müde, schlapp, haben Konzentrationsstörungen oder Kopfschmerzen. Pierce weiß, dass Ärzte nicht immer sagen können, woran es liegt. Das macht es dem Patienten den Krankenkassen gegenüber schwer. Auch weil es kaum Studien zu den Langzeitfolgen von Krebstherapien gibt. Bisher gilt: Wenn der Krebs länger als fünf Jahre nicht zurückkommt, gilt man als geheilt.

Es fehlt ein Nachsorgeprogramm für Krebspatienten

Aus ganz Deutschland kommen Menschen in die Uniklinik nach Freiburg, um sich untersuchen zu lassen, denn dort gibt es ein Nachsorgeprogramm für junge, ehemalige Krebspatienten. Daran nimmt auch Tanja Güntert teil.

"Die Schilddrüse wird regelmäßig kontrolliert. Mittlerweile habe ich eine Babyschilddrüse, weil sie durch die Bestrahlung eingeschrumpelt ist. Dadurch muss ich jeden Morgen Tabletten nehmen."
Tanja Güntert über die direkten Folgen der Krebstherapie mit 16

Die Kosten für diese Nachsorge tragen die Krankenkassen nicht. Pierce und ihre Kolleginnen müssen für ihre Arbeit Spendengelder an Land ziehen: "Die Vorrichtungen im Gesundheitssystem sind einfach nicht darauf ausgelegt, solche Patienten adäquat zu betreuen." Dabei wäre es so nötig. Schon heute beträfe es einen von 250 Erwachsenen, sagt sie.


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