KriegWie der Ukraine der Support wegbricht

Dass US-Präsident Trump kein Fan von Ukraines Präsident Selenskyj ist, sagt er nicht nur offen, sondern zeigt es auch durch mangelnde Unterstützung. Was bedeutet es für die Ukraine, wenn ihr einflussreichster Partner, die USA, sich von ihr abwendet?

Fast jede dritte Nacht schlagen ballistische Raketen in Kiew ein, berichtet Denis Trubetskoy. Als Privatperson bedeutet das, dass er vom Raketenalarm aus dem Schlaf gerissen wird und die Nacht dann oft im Flur seiner Wohnung verbringt, der ein bisschen mehr Schutz bietet.

"Diese ballistischen Angriffe gibt es so gut wie jede dritte Nacht."
Denis Trubetskoy, Politikjournalist

Ende Mai sei direkt auf der anderen Straßenseite eine Rakete früh morgens um circa vier Uhr in ein benachbartes Wohnhaus eingeschlagen, erzählt er. Durch die Druckwelle des Einschlags wurden dabei alle Fenster des Hauses zerstört, in dem Denis Trubetskoy wohnt.

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Die Scherben im Treppenhaus boten ein fast apokalyptisches Bild, das einen nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen hat. Positiv beeindruckt haben ihn dagegen die Solidarität und die Hilfsbereitschaft der Menschen in seiner direkten Umgebung.

"Inzwischen ist die absolute Mehrheit der Ukrainer sehr negativ gegenüber Trump eingestellt."
Denis Trubetskoy, Politikjournalist

Trotz der großen Gefahr und des Stresses, den die Angriffe verursachen, beobachtet Denis die aktuellen Entwicklungen auch mit einem analytischen Blick. Denn er arbeitet als Politikjournalist für Auslandsmedien. Sein Fokus liegt auf der ukrainischen Innen- und Außenpolitik: Er recherchiert, schätzt ein und berichtet.

"In den vergangenen Tagen ist eins klar geworden: Man kann auf Amerika nicht zählen, damit muss man umgehen."
Rebecca Barth, ARD-Korrespondentin in der Ukraine

Gerade seit der letzten Präsidentschaftswahl in den USA, mit der Trump als US-Präsident wiedergewählt wurde, sei es mental oft schwierig für ihn. Nach Nächten mit Raketenangriffen aufzustehen und sich mit dem "politischen Blödsinn" zu beschäftigen, den der US-Präsident wieder verbreitet habe, sei ohne einen gewissen Sarkasmus kaum zu ertragen, erzählt der Journalist.

Trump will ein schnelles Kriegsende um jeden Preis

In den USA stehen demnächst die Zwischenwahlen an, die sogenannten Midterm Elections. Donald Trumps Fokus liegt dadurch zurzeit wohl ohnehin weniger auf der Ukraine und stattdessen wahrscheinlich mehr darauf, die Spritpreise im eigenen Land zu drücken. Das hat auch Konsequenzen, die die Ukraine zu spüren bekommt, weiß die ARD-Korrespondentin Rebecca Barth.

"Man ist von Amerika abhängig, aber man sollte schnellstmöglich schauen, dass man Alternativen findet, um weiter verteidigungsfähig zu bleiben, denn das muss die Ukraine."
Rebecca Barth, ARD-Korrespondentin in der Ukraine

Den Austausch zwischen den USA und der Ukraine würde Rebecca Barth nicht als "Beziehungen" bezeichnen. Denn Beziehungen wirken in der Regel ein bisschen berechenbarer, erklärt sie. Mit Berechenbarkeit haben die Gespräche mit der US-Administration aber nichts zu tun. Vielmehr handle es sich um "sehr viel Schall, sehr viel Getöse", so Rebecca Barth.

Trump hat kein Interesse an der Dynamik des Krieges

Letztendlich könnte man folgende rote Linie feststellen, die sich durchziehe: Ein US-Präsident, der sich offenbar wenig für diesen Krieg und dessen Dynamiken interessiert. Dabei seien diese nicht sonderlich schwer zu verstehen. Russland mache es sogar leicht zu erkennen, wer die Verantwortung für welche Umstände trage und was das Problem sei, sagt unsere Korrespondentin.

Das habe kürzlich ein bestimmtes Ereignis noch einmal deutlich gezeigt, erklärt sie: US-Präsident Trump habe zunächst eine Energiewaffenruhe ausgerufen. Die Ukraine habe daraufhin für kurze Zeit ihre Angriffe auf russische Ölanlagen eingestellt. Trotz dieser Vereinbarung habe Russland hingegen begonnen, die Wärmekraftwerke von Kiew anzugreifen.

Schon alleine dadurch sei klar geworden, dass die Ukraine nicht auf die USA zählen könne, sagt Rebecca Barth. Sie sei von Amerika abhängig, damit müsse man umgehen, aber auch schnellstmöglich schauen, dass man Alternativen finde, um weiter verteidigungsfähig zu bleiben.

Tenor in der Ukraine: USA wollen Kriegsverlauf aktiv beeinflussen

Deutschland sei der wichtigste Partner der Ukraine, wenn man von den Einzelstaaten ausgehe, sagt Rebecca Barth. Und die EU sei als Staatenbund wichtig. Dennoch seien die USA möglicherweise in der einflussreichsten Position.

Von einer Partnerschaft zwischen den USA und der Ukraine kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr sprechen, erklärt unsere Korrespondentin. Tatsächlich gingen Experten sogar davon aus, dass die USA ihre Machtmittel, beispielsweise Geheimdienstinformationen, dazu nutzen, um der Ukraine aktiv zu schaden und sie so zur Kapitulation zu zwingen. Das sei die Einschätzung, die Beobachter in Kiew äußerten, so Rebecca Barth.

Der fehlende Rückhalt durch die USA verunsichere die Menschen in der Ukraine durchaus, sagt Denis Trubetskoy, während er sich gemeinsam mit dem Rest der ukrainischen Bevölkerung auf den fünften Kriegswinter vorbereitet.