LieblingsschülerinWarum wir über Missbrauch an Schulen sprechen müssen
Das Muster ist immer gleich: Ein Lehrer hört zu, wird zur Vertrauensperson. Dann überschreitet er Grenzen. Der Podcast "Die Lieblingsschülerin" zeigt: Emotionaler und sexueller Missbrauch an Schulen ist kein Einzelfall. Es ist ein riesiges Tabu.
Zoe, Hannah und Marie kennen sich nicht und gingen an unterschiedliche Schulen an ganz anderen Orten in Deutschland. Und doch haben sie eine ähnliche Geschichte. Alle drei sind etwa 15 Jahre alt, als ein Lehrer beginnt, sich besonders für sie zu interessieren.
Diese Lehrer hören zu, fragen nach, bietet Unterstützung an – irgendwann auch außerhalb der Schule. Für die drei Mädchen fühlt sich das zunächst wie Hilfe an. Sie stecken damals in schwierigen Situationen, haben familiäre Probleme oder sind psychisch belastet.
Vertrauen, das missbraucht wird
Der Kontakt zwischen Lehrer und Schülerin wird mit der Zeit persönlicher. Und dann überschreiten die Lehrer Grenzen. So geht es aus den aufgehobenen Nachrichten und Tagebucheinträgen heute jungen Frauen hervor.
Journalistin Britta Rotsch hat diese Nachrichten gelesen und mit Hannah, Zoe und Marie gesprochen. Ihre Geschichten sind Teil des fünfteiligen Podcasts "Die Lieblingsschülerin" geworden. Darin geht es um emotionalen und sexuellen Missbrauch an Schulen. Die Namen der drei Frauen wurden zu ihrem Schutz übrigens geändert.
"Am Anfang war es uns wichtig, Vertrauen zu den Gesprächspartnerinnen aufzubauen und transparent zu machen, was die nächsten Schritte sind“, sagt Britta Rotsch über den Beginn der Recherche zum Podcast. "Damit sie zumindest dieses Mal Kontrolle über ihre eigene Geschichte behalten. Das war uns ganz wichtig."
Kaum Zahlen zu sexualisierter Gewalt von Lehrer*innen an Schüler*innen
Eigentlich wollten Britta Rotsch und ihre Kolleginnen Taiina Grünzig und Judith Geffert herausfinden, wie häufig emotionaler und sexueller Missbrauch an Schulen vorkommt. Doch schnell wurde klar: Die Datenlage ist dünn. Es gibt kaum Forschung. Kaum Statistiken.
Und auch Menschen aus dem Umfeld der Schule, an der Zoe, Hannah und Marie damals waren, wollten sich nicht äußern, berichtet die Journalistin, "Niemand wollte mit uns reden. Selbst diejenigen, die den Schülerinnen damals sehr unterstützend gegenüberstanden, wollten sich nicht äußern."
"Missbrauch an Schulen ist ein Tabuthema. Es heißt: So etwas kann es doch nicht geben."
Britta Rotsch vermutet als möglichen Grund für das Schweigen: "Wahrscheinlich will man Kolleg*innen schützen. Oder vielleicht ist da auch das Gefühl von Scham, damals nicht genug getan zu haben." Andere wiederum hätten bei Gesprächsanfragen darauf verwiesen, wegen ihres Beamtenstatus nichts sagen zu dürfen.
Tatsächlich spielt der Beamtenstatus eine große Rolle bei der mangelnden Aufarbeitung dieses Themas, stellten Britta Rotsch und ihrer Kolleginnen im Laufe ihrer Recherche fest. Diese und andere strukturelle Problem im Schulsystem greift der Podcast auf.
Keine Einzelfälle, sondern ein Muster
Trotz unterschiedlicher Geschichten zeigen sich bei den Betroffenen ähnliche Dynamiken, sagt sie. Der Kontakt beginnt oft mit Gesprächen über persönliche Probleme. Der Lehrer wird zur Vertrauensperson. Mit der Zeit entsteht emotionale Abhängigkeit. Gleichzeitig wächst der Druck: Niemand soll etwas erfahren.
Betroffene fürchten: Wenn sie sprechen, steht vielleicht ihr Schulabschluss auf dem Spiel und die Karriere des Lehrers, der schließlich zu einer wichtigen, wenn nicht zu der wichtigsten Vertrauensperson geworden ist.
"Lehrerinnen und Lehrer bekommen einen enormen Vertrauensvorschuss. Doch dieser Vertrauensvorschuss kann auch dazu führen, dass Warnsignale übersehen werden."
Gerade weil zuvor Vertrauen aufgebaut worden ist, haben Täter so leichtes Spiel, sagt Isabel Kratzer-Ceylan. Sie ist Fachanwältin für Strafrecht und vertritt hauptsächlich Betroffene. Vertrauen, sagt sie, ist ein zentrales Element, auf dem unser Schulsystem beruht. Grundsätzlich sei es auch etwas Positives – aber eben nur, wenn alle Erwachsenen Verantwortung übernehmen und dieses Vertrauen nicht missbrauchen.
Der Vertrauensvorschuss zeigt auch systemintern Wirkung, so Isabel Kratzer-Ceylan: "Den Lehrkräften wird einfach nicht zugetraut, so etwas getan zu haben. Dann kommt sofort die Schutzreaktion, zuerst von der Schulleitung und dann übergeordnet vom Ministerium."
"Wir müssen endlich dieses Tabu brechen. Weitergehend überall, wo Kinder sind, also auch an Schulen, gibt es sexuellen Missbrauch."
Für die Anwältin steht fest: Solange Lehrkräfte das Problem der sexuellen Gewalt an Schulen nicht wahrhaben wollen, wird sich nichts ändern. Das meint auch, dass Betroffene nicht angemessen geschützt würden, so wie es derzeit der Fall sei.
"Wenn Institutionen das Problem nicht anerkennen, kommt es zusätzlich zu Fehlern im Umgang mit Betroffenen", sagt Isabel Kratzer-Ceylan. Sie berichtet von Fällen, in denen Schülerinnen bei Gesprächen mit der Schulleitung und dem beschuldigten Lehrer am Tisch sitzen und Fragen beantworten mussten.
Ein professioneller Umgang müsste zwingend mehr Opferschutz beinhalten, so die Anwältin. Das könnte den Betroffenen helfen, das Geschehene früher aufzuarbeiten. "Die meisten laufen damit jahrelang rum", sagt sie. Und sie schweigen. Weil sie es so gelernt haben. Weil es das, was sie erlebt haben, doch nicht geben darf.
Hinweis: In der Podcastfolge von Facts & Feelings klärt Kratzer-Ceylan auch über die Gesetzeslage zum sexuellen Missbrauch und zur sexuellen Nötigung von Schutzbefohlenen auf.
Alle fünf Folgen von "Die Lieblingsschülerin" hört ihr hier.