Das perfekte Buch für den Moment…… wenn du gefragt wirst, ob du Kinder hast
Mathilda hat ihren Sohn verloren – wenige Tage nach der Geburt: In "Ein Kind ist ein ganzes Leben" hat Pina Kühr Worte für diese grenzenlose Trauer gefunden. Und überschreibt mit ihrem Debüt einen tabuisierten Bereich.
Es ist schon fast dunkel, als Mathilda aufwacht. Etwas rote Glut von der untergehenden Sonne steht noch am Horizont. Mathilda schaut sich um; vor ein paar Stunden ist sie in Mailand in den Zug Richtung La Spezia gestiegen. Von dort geht es morgen früh weiter mit dem Bus nach Carrara. Mehr weiß sie noch nicht. Sie fühlt gerade sehr viel auf einmal.
Schon als Kind ist Mathilda hier gewesen, in Italien, in der Toscana, und in Carrara. Auf dem Weg ans Meer waren sie und ihre Familie an den riesigen Steinbrüchen vorbeigekommen. Von hier stammt der berühmte weiße Carrara-Marmor, ein faszinierender Stein.
Marmor für ihren Sohn
Erst zerklüftet und rau, und dann so glatt wie zarte Haut. Und genau dorthin ist Mathilda jetzt unterwegs. Nach einer Wanderung stößt sie auf einen rostigen Container. Mathilda klopft. Ein stämmiger Mann, vielleicht Ende vierzig, sitzt an einem Schreibtisch und sieht zu ihr auf. Er spricht sie auf Italienisch an. Sera. Sie versucht es auf Englisch. Scusi.
Sie will einen Stein kaufen und ihn selbst bearbeiten. Sie versucht, es zu erklären, stellt mit ihren Händen Hammer und Meißel dar. Der Mann grinst und versteht. Aber er schickt sie weg, zurück ins Dorf, zu einem Steinmetz. Er hat sie also doch nicht verstanden, oder nicht ernst genommen. Sie wiederholt ihre Bitte. Der Mann seufzt. Why? Und Mathilda weiß, dass sie es sagen muss, damit er versteht. Sie muss es sagen, weil sie das Nichtssagen leid ist. Und weil es gesagt werden darf. Für Arthur. Für meinen Sohn. Als Grabstein.
Ein Plan funktioniert
Mathilda schließt kurz die Augen. Vielleicht passiert jetzt, was in den vergangenen zwei Jahren oft passiert ist. Vielleicht kommt jetzt nur bedrückendes Bedauern, oder ein erdrückendes Schweigen. Stattdessen kommt ein roter, staubiger Pick-up neben ihr zum Stehen. Claudio sitzt darin.
Er hievt ihren Rucksack auf die Ladefläche des Wagens, reicht ihr einen Helm und bittet sie einzusteigen. Und Mathilda weiß jetzt: Hier ist sie richtig.
"Ein Kind ist ein ganzes Leben" heißt das autofiktionale Romandebüt von der Schauspielerin, Drehbuchautorin und Mutter Pina Kühr. Darin erzählt sie von der Theater-Schauspielerin Mathilda, die achtundzwanzig Jahre alt ist, als ihr Sohn stirbt. Arthurs Überlebenschance war nicht sehr hoch.
Er kam krank zur Welt. Er wurde vierunddreißig Tage alt. Und er ist damit eines von sehr vielen Kindern, die das erste Lebensjahr nicht erreichen. Und Mathilda ist eine von sehr vielen Müttern und Eltern, die ihr Kind verlieren. Es sollte also möglich sein, darüber zu sprechen. Und wenn nicht das, dann wenigstens etwas davon zu hören. Oder zu lesen. Aber da ist nichts. Nicht für Mathilda. Da ist vor allem: dieses Schweigen.
Das Leben als Belastung
Wenn Freund*innen und Kolleg*innen sie fragen, wie es ihr geht, dann antwortet Mathilda: Okay. Ein Wort, das alle beruhigt. Aber nichts ist okay. Mathilda funktioniert. Auf der Bühne spielt sie andere Rollen und entflieht damit ganz kurz der Dunkelheit. Sie ist Kollegin, Freundin, Schwester, Tante, und Tochter. Sie lebt. Aber sie ist müde.
Das Leben liegt auf ihr, unerträglich schwer. Aber da ist etwas in ihr, etwas, das sie am Leben hält. Eine Neugier. Und eine Sehnsucht. Sie wird es suchen müssen, dieses Etwas, allein. Sie wird eine Pause machen müssen, in einen Zug steigen. In noch einen. Und in noch einen. Sie wird irgendwo ankommen, von dort wieder aufbrechen, wird weitergehen, tief in die Natur, hoch in die Berge, und nach Italien. Und irgendwo dort wird sie es finden.
Das Buch
"Ein Kind ist ein ganzes Leben", Romandebüt von Pina Kühr, März Verlag, 320 Seiten, Hardcover: 25 Euro, eBook: 18,99 Euro.
Die Autorin
Pina Kühr, 1987 in Freiburg geboren, hat Schauspiel an der Folkwang Universität in Bochum studiert. Seither war sie als Schauspielerin auf zahlreichen Bühnen und in namhaften Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Ihr erstes Theaterstück "Female* Fight Club" wurde 2025 am Heimathafen Neukölln uraufgeführt.