Das perfekte Buch für den Moment...…wenn du nicht alle Männer meinst
Erst die echte Gewalt, dann die mediale und der Sex: Monika Kims Debütroman "Molka" zeichnet Abgründe nach und die perfide Logik erzwungener sexueller Exhibition. Wenigstens darf die Frauenfigur Dahye auf eine mysteriöse Helferin hoffen.
Sie muss damit aufhören. Sie muss aufhören, zu lesen. Sie hätte gar nicht erst damit anfangen sollen. Aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher. Jetzt sieht sie es mit eigenen Augen, Screenshot für Screenshot: "Will jemand ran, bevor ich sie nehme?" – "Vielleicht. Wo bist du?"
Dahye wird übel. Sie erinnert sich an die Frau. Dahye und Hyukjoon waren in einem Restaurant. Damals kannten sie sich ungefähr einen Monat. Auf dem Rückweg hatte Dahye eine Frau am Straßenrand bemerkt, zusammengesackt, völlig neben sich und allein. Hyukjoon hatte angeboten, die Frau nach Hause zu fahren, gleich nachdem er Dahye zuhause absetzen würde. Dahye hatte keinen Verdacht geschöpft. "Wie lieb von ihm", dachte sie noch.
Besuch aus dem Luftschacht
Plötzlich ertönt neben Dahye ein schmerzhaftes Geräusch, als würde etwas in der Wand feststecken und versuchen, sich frei zu kratzen. Dahye starrt in die Dunkelheit. Viel sieht sie nicht. Ihre Kehle schnürt sich zu und ihr Blick fällt auf den Lüftungsschacht. Ihr Nacken kribbelt. Sie kennt das Gefühl.
Als Dahye an der Metallabdeckung rüttelt, geht diese ganz leicht ab. Etwas Feuchtes schwappt Dahye entgegen. Es ist ein Mädchen mit feuchten, langen Haaren. Seine Haut scheint zerfleddert, vielleicht zerbissen. Sein Blick glüht rot.
"Dahye", sagt das Mädchen lächelnd. Die Stimme klingt, als käme sie von unter Wasser. Dahye stutzt. Es ist das erste Mal, dass dieses nasse Etwas mit ihr spricht. Es klingt freundlich. Und dann weiß Dahye, wer dieses Mädchen ist.
Als Dahye dem unheimlichen Mädchen das erste Mal von Angesicht zu Angesicht begegnet, befürchtet sie nicht mehr, verrückt zu werden. Weil sie es längst ist. Außerdem ist diese tropfende Kreatur nicht die größte Gefahr, mit der sich Dahye konfrontiert sieht. Von ihr erzählt die koreanisch-amerikanischen Schriftstellerin Monika Kim in ihrem Roman "Molka".
Beobachtung statt Intimität
Der Begriff Molka setzt sich aus den koreanischen Wörtern für "versteckt" und für "Kamera" zusammen. Er beschreibt Minikameras, die heimlich installiert werden, um in öffentlichen, aber auch privaten Räumen, sehr intime Fotos und Videos von Frauen aufzunehmen. Minikameras, heimlich installiert von Männern. Männer, die unter uns und mit uns leben. "Normale" Männer.
Männer wie Hyukjoon: Der reiche Unternehmersohn gibt vor, Dahye zu lieben. Vorausgesetzt, sie benimmt sich, und er ist nicht betrunken. Aber das ist er ziemlich oft. Dann macht er Sachen mit Dahye, an die sie sich seltsamerweise kaum erinnern kann, oder an die sie sich nicht so gern erinnert, weil sie weh taten. Aber hat es Hyukjoon nicht immer auch sehr leid getan, hinterher?
Dahye wird zum Opfer heimlicher Überwachung
Oder Männer wie Jungyoung: Der IT-Mitarbeiter ist besessen von Dahye, wovon sie aber nichts ahnt. Bisher haben sie nur wenig miteinander gesprochen. Eigentlich nur, wenn Dahyes Rechner Probleme machte. Jungyoung scheint nett zu sein. Und er scheint seinen Job ernst zu nehmen – kommt oft als erster, geht oft als letzter. Hat seine Augen überall. Genau genommen auf jeder Damentoilette der Firma.
Dahyes Welt bricht zusammen, als ein Video auftaucht. Es zeigt sie und Hyukjoon beim Sex. Im Gegensatz zu ihr scheint er sich kein bisschen dafür zu schämen. Schlimmer noch: Er ghostet sie. Gleichzeitig geht das Tropfen los, das Gluckern, die Kälte. Und dann diese Stimme. "Alle Schweine müssen zum Sterben ins Schlachthaus." Beinahe klingt es so, als wolle sie Dahye helfen. Als hätte dieses "Mädchen" einen Plan.
Das Buch: "Molka" von Monika Kim | aus dem Englischen übersetzt von Dejla Jassim | erschienen bei Kiwi Space | 296 Seiten | gebundene Ausgabe: 23 Euro, eBook 19,99 Euro | ein Hörbuch wird es auch geben, gelesen von Christiane Marx, Download und Stream | erschienen am 03.09.2026
Die Autorin: Monika Kim ist eine koreanische Amerikanerin der zweiten Generation, die in Los Angeles’ Koreatown lebt. "Das Beste sind die Augen" war ihr gefeierter Debütroman.