Mal nichts tunWas bringt uns Langeweile?
Emma mag es, sich im Alltag ganz bewusst zu langweilen. Ein paar Minuten mal nicht von Handy und Co. abgelenkt sein, während der Busfahrt oder im Wartezimmer zum Beispiel. Warum Langeweile eher negativ gesehen wird, aber in kleinen Dosen wichtig ist.
Emma ist Anfang 20 und hat sich in ihrem Alltag beobachtet. Egal in welcher Situation – ständig muss sie irgendetwas parallel tun. Deshalb beschließt sie, Langeweile zu üben, ein Gefühl, das viele als unangenehm empfinden. "Dieses Gefühl ist so unangenehm, weil es einfach so ungewohnt ist. Ich glaube, es wird weniger, wenn du mehr Langeweile zulässt", meint Emma.
Langeweile aushalten
Für Emma war es am Anfang nicht so leicht, aktive Langeweile-Phasen einzulegen. Sie glaubt, man muss das wirklich wollen, um es auch durchzuziehen: "Eigentlich dachte ich immer nur daran, jetzt nicht wieder ans Handy zu gehen oder mich nicht wieder ablenken zu lassen, weil das am Anfang richtig schwer ist. Es widerstrebt einem irgendwie, habe ich das Gefühl."
Ohne Smartphone war das Leben langweiliger
Wenn sie an ihre Kindheit zurückdenkt, war es früher allerdings durchaus leichter, Langeweile auszuhalten. Für Emma ein wichtiger Grund: Es gab noch kein Smartphone. "Damals war das Typische: Man isst ein Müsli und liest die Müslipackung durch, weil man nichts anderes hatte. Und das fand ich so spannend, dass ich mich jetzt jeden Tag in Situationen bewusst trainiere, das auch wieder zuzulassen", erzählt Emma.
"Beim Arzt bewusst nicht ans Handy zu gehen, sondern diese Situation zu nutzen, um die Langeweile zuzulassen und vielleicht auch zu lernen, das wieder zu können."
Emma denkt, dass der ständige Griff zum Handy daher rührt, dass wir den Druck verspüren, stets produktiv zu sein oder uns immer berieseln lassen zu müssen. "Man muss immer etwas anhören oder es muss immer etwas im Hintergrund laufen. Ich glaube, dass das im Alltag bei vielen häufig vorkommt", findet Emma. Das ist ihrer Meinung nach der Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft geschuldet.
Nicht aus Gewohnheit aufs Handy schauen
Inzwischen ist Emma Profi darin, sich zu langweilen. Sie trainiert das auch täglich und versucht beim Essen beispielsweise auch nur zu essen – ohne Ablenkung. Wenn sie dann doch mal ihr Handy in die Hand nimmt, versucht sie, zumindest etwas Sinnvolles zu tun. Sie beantwortet dann zum Beispiel Nachrichten. Aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit ans Handy zu gehen, versucht Emma jedoch zu vermeiden.
Emma empfindet es nach wie vor als anstrengend und auch unbequem, diese Langeweile auszuhalten. Wenn sie es schafft, ist sie aber auch stolz auf sich.
Sich zu langweilen ist gut fürs Gehirn
Langeweile zulassen zu können, ist sehr wichtig, um innezuhalten und zu verarbeiten, was wir gerade tun oder was um uns herum passiert, sagt die Autorin und Neurowissenschaftlerin Franca Parianen.
Stressigen Situationen Raum geben
Beispiel: Eine stressige Situation bei der Arbeit. "Man versucht dann, direkt die nächste Aufgabe zu machen und sich wieder auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, merkt aber, dass man die ganze Zeit eigentlich nicht besonders gut arbeitet, weil im Hintergrund noch etwas rumort", erklärt die Neurowissenschaftlerin.
Wichtig sei es, diesem "Rumoren" Freiraum zu geben und sich zu überlegen, was wir hätten anders machen können, um daraus vielleicht etwas für die Zukunft zu lernen."Es ist sehr wichtig – gerade nach Stresssituationen, dass wir die verarbeiten können – dass wir uns mal einen Moment nehmen, einfach den Kopf freizukriegen."
Langeweile macht also etwas mit dem Gehirn, zeigt auch die Forschung. Um das herauszufinden, haben sich Forschende angeschaut, was passiert, wenn wir uns konzentrieren. Dabei fiel auf, dass ein Teil unseres Gehirns aufhört, aktiv zu sein, wenn wir uns auf etwas konzentrieren. "Und so hat man gemerkt, dass wir eine Art Autopiloten in unserem Gehirn haben, der eigentlich immer nur dann zum Vorschein kommt, wenn wir gerade nichts zu tun haben", so Franca Parianen.
Bestimmte Gehirnregionen beim Nichtstun aktiv
Die Wissenschaft spricht dabei auch vom Default Mode Network (DMN), das sich immer dann zusammenschaltet, wenn wir nichts zu tun haben. Im Gehirn zeigt sich dabei, dass sich verschiedene Areale verbinden – und wir unsere Gedanken treiben lassen, erklärt die Neurowissenschaftlerin. "Das ist ein sehr komplexer kognitiver Prozess. Damit verarbeiten wir, was wir den ganzen Tag durchlebt haben, wir planen unsere Zukunft und es passieren auch viele kreative Prozesse."
Emma hat solche Momente zum Beispiel, wenn sie unter der Dusche steht – und einfach mal das Wasser und die Gedanken fließen lässt. Der Vorteil: Dabei hat sie gezwungenermaßen kein Handy zur Hand.
"Man hat dann diese Duschgedanken, bei denen einem etwas in der Dusche einfällt oder man ganz neue Ideen hat."
Langeweile langfristig trainieren
Sich bewusst mit sich selbst zu beschäftigen, ohne externen Einfluss, ist für Emma sehr wichtig geworden. Dass wir so etwas trainieren, hält die Psychologin Sabrina Krauss auch für effektiv – weil wir dann beispielsweise weniger Unruhe in unserem lauten und schnelllebigen Alltag verspüren.
Täglich üben, einfach mal nichts zu tun
Sie empfiehlt, mit einer kurzen Zeitspanne anzufangen und sich einfach mal eine Minute hinzusetzen und nichts zu tun. "Wir sind jetzt einfach im Hier und Jetzt – egal wie monoton oder langweilig der Moment ist – und lassen das mal zu. Und wenn man das eine Weile macht – am besten täglich übt – kann das dazu führen, dass man sich besser fühlt."
"Ich muss die innere Bereitschaft entwickeln: 'Ich halte das jetzt aus.' Und mit jedem Aushalten wird es auch einfacher."
Langeweile ist etwas, das in unserer Gesellschaft eher negativ behaftet ist, sagt Sabrina Krauss: "Das ist im Grunde ihr Feature. Die Langeweile ist dazu da, uns zu sagen: 'Moment mal, das, was du gerade machst, passt nicht zu dem, was du eigentlich möchtest'', erklärt die Psychologin. Und wenn wir den Eindruck haben, wir machen bloß sinnlose Sachen und alles ist langweilig, steht eine Entscheidung an, wie wir jetzt weitermachen, erklärt Sabrina Krauss.
"Und dieses unangenehme Gefühl einmal kurz auszuhalten und sich bewusst zu machen: 'Hey, hier stimmt etwas nicht. Wie gehe ich damit um?' Das ist wichtig und nützlich."
Hinweis: Auf unserem Titelbild ist nicht Emma zu sehen, es handelt sich um ein Symbolbild.