MigrationWie konnte die Lage in Ceuta so eskalieren?

Innerhalb von zwei Tagen erreichen Zehntausende Menschen Ceuta. "Jeder hat ums Überleben gekämpft", sagt Spiegel-Reporter Jan Petter. Er ist vor Ort und spricht mit Menschen, die alles riskiert haben. Was ist dort wirklich passiert?

Noch immer steigt die Opferzahl nach der Masseneinwanderung am 31. Juli in Ceuta. Medien sprechen von bis zu 60.000 Menschen, die auch noch am 1. August versucht haben, von der marokkanischen Küste aus schwimmend die spanische Enklave zu erreichen.

Die Angaben über die Toten gehen weit auseinander: Die Stadt Ceuta meldete 88 geborgene Leichen, die spanische Regierung bestätigte 73, Marokko elf Tote (Stand 03.08.2026).

Am Strand werden Flipflops und Rucksäcke angespült. "Man sieht und ahnt auch, was hier passiert sein muss", sagt Spiegel-Reporter Jan Petter. Er ist in Ceuta, berichtet über die Lage vor Ort und hat mit den Geflüchteten gesprochen. Darunter auch Schulkinder, die zwei, drei Tage zuvor in der Schule morgens davon gehört hatten, dass man über die Grenze kann, sagt Jan Petter. Teilweise hätten sie sich nicht einmal von ihren Eltern verabschiedet.

"Es waren auch Frauen mit Kleinkindern dabei. Es gibt Berichte von Babys, die ertrunken sind. Und bis jetzt sind ja auch immer noch viele Tote gar nicht identifiziert."
Jan Petter, Spiegel-Reporter

Der Spiegel-Reporter ist seit dem 1. August vor Ort in Ceuta, einer spanischen Stadt mit circa 84.000 Einwohner auf einer Halbinsel im Norden Marokkos – ziemlich genau gegenüber von Gibraltar an der spanischen Mittelmeerküste. Er beschreibt die Lage als angespannt und gereizt. Denn die Einheimischen fühlten sich alleingelassen: mit den Geflüchteten – und mit den Rechtsradikalen, die nach Ceuta kämen, die Situation anprangerten und für sich ausnutzen wollten.

Rechtsradikale nutzen Vorfälle in Ceuta aus

Dabei gehört Ceuta nicht uneingeschränkt zum Schengen-Raum. Das heißt: Alle, die in Ceuta ankommen, werden kontrolliert. Bevor sie weiter ins spanische oder europäische Festland einreisen können, müssen sie erst Grenzkontrollen passieren. Inzwischen seien auch schon viele Tausende der Geflüchteten wieder zurück über die Grenze nach Marokko gelaufen, sagt Jan Petter. Trotzdem würden sich immer noch mehrere Tausend in Ceuta aufhalten.

Zu einem großen Teil stammen die Geflüchteten aus Marokko selbst, andere kommen aus den Ländern südlich der Sahara. Sie hoffen, bleiben zu können, haben aber keine Unterkunft und schlafen am Strand, im Park oder Friedhof. Insbesondere die Geflüchteten aus Sub-Sahara-Afrika würden in Ceuta bleiben wollen, weil sie sich in Marokko diskriminiert fühlten. Überwiegend seien junge Männer geflüchtet, die glaubten, in Europa sei alles viel besser als in ihrer Heimat.

Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa

Jan Petter hat mit Menschen gesprochen, die wieder nach Marokko zurückgekehrt sind. Sie hätten aufgegeben, weil sie mehrere Tage nichts zu trinken und zu essen gehabt hätten. Darunter war auch ein 16-Jähriger, der mit seinen Freunden zum ersten Mal europäischen Boden betreten hatte, berichtet Jan Petter.

Grund für seine Flucht sei die Perspektivlosigkeit in Marokko, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent und eine hierarchisch geprägte Gesellschaft. Der Junge hoffte auf Chancen in Europa. Sie hätten keine Ahnung von ihren Rechten auf Asyl und Schutz gehabt und seien dann irgendwann einfach wieder zurück nach Marokko.

"Sie haben berichtet, wie neben ihnen Menschen ertrunken sind. Wie sie selbst Angst um ihr Leben hatten, weil auch viele ins Wasser sind, die nicht schwimmen konnten. Weil die sich an den anderen hochgezogen und sie dabei runtergedrückt haben."
Jan Petter hat mit Geflüchteten in Ceuta gesprochen

Über soziale Netzwerke wie Instagram oder Tiktok habe sich die Nachricht verbreitet, dass man über die Grenze nach Ceuta gehen könnte. In spanischen Medien wird vermutet, dass es sich um eine Kampagne gehandelt haben könnte. "Es gab erst Videos von Menschen, die sich selbst gefilmt haben, die erzählt haben, man kann hier einfach durchgehen", erzählt Jan Petter. Es wurden immer mehr Menschen – bis auch die marokkanischen Medien darüber berichtet haben.

Pull-Faktor oder staatliches Kalkül?

In dem Zusammenhang wird auch ein Urteil des obersten spanischen Gerichtshofs genannt, laut dem Menschen, die über den Seeweg nach Ceuta gelangen, nicht zurückgewiesen werden dürfen. Es müsse dann eine Einzelfallprüfung erfolgen. Dieses Urteil könnte fälschlicherweise als "die Grenze ist offen" interpretiert worden sein.

Die marokkanischen Behörden hätten die Grenzübertritte offenbar nicht verhindert oder sie teilweise sogar begünstigt, wurde Jan Petter erzählt: "Alle, mit denen wir gesprochen haben, haben davon gesprochen, dass sie entweder weggeschaut oder sie aktiv zur Grenze geleitet haben – oder auch mit Gewalt tatsächlich vorangetrieben haben, damit sie die Grenze überqueren nach Spanien."

Dass hinter der Massenmigration Schleuser stecken, glaubt Jan Petter nicht. Niemand habe ihm berichtet, dass er Schleusern Geld dafür bezahlt hätte. "Das waren nicht die Menschen, die seit Jahren auf der Flucht sind, sondern das waren in sehr vielen Fällen Jugendliche, die sich auf den Weg gemacht haben."

War das (bewusst) unterlassene Hilfe?

Die Rückkehr der Geflüchteten sei weitestgehend schnell und friedlich abgelaufen. Videos, die auf rechten Accounts verbreitet worden seien und die zeigten, dass es Ausschreitungen gegeben hätte, könne er nicht bestätigen, so Jan Petter. "Es gab einzelne Zusammenstöße, wir haben auch kleine Rangeleien und Prügeleien gesehen, aber insgesamt bemühen sich die Sicherheitskräfte hier um Zurückhaltung", sagt er.

Allerdings wirft er die Frage auf, ob es rechtens war, dass den Geflüchteten Hilfe verweigert wurde. Alle Geschäfte in Ceuta wurden geschlossen und die Menschen hätten sich nicht mit dem Notwendigsten versorgen können. Er vermutet, dass darauf spekuliert wurde, dass die Menschen wegen Entkräftung aufgeben, bevor sie überhaupt einen Asylantrag hätten stellen können.

Die spanische Armee hätte die Lage in Ceuta relativ schnell wieder unter Kontrolle gehabt, Militärfahrzeuge patrouillierten und Sicherheitskräfte forderten die Menschen auf, die Exklave wieder zu verlassen. Das widerspreche auch dem Narrativ, dass in Ceuta alles unkontrolliert abgelaufen sei und alle nur den Geflüchteten hätten helfen wollen. "Man will die hier loswerden, das ist die ganz klare Botschaft. Die Frage ist nur, was passiert mit denen, die noch hier sind", fragt der Spiegel-Reporter.

Spekulationen über die Rolle Marokkos

In spanischen Behördenkreise gehe man davon aus, "dass die marokkanische Seite die Spanier etwas unter Stress setzen wollte und deswegen die Grenzkontrolle lax gehandhabt hat". Das berichtet Daniel Gerlach von seinen Kontakten zu spanischen Behörden. Er ist Herausgeber des Magazins Zenith, Nahost-Experte und Kenner der arabischen und muslimischen Welt. Marokko hätte Spanien sozusagen zeigen wollen, wer "Herr im Hause" sei, so Gerlach.

Diesem "Stresstest" seitens Marokko sei eine Annäherung Spaniens an Algerien, dem großen Konkurrenten Marokkos, vorausgegangen. Beide Länder hätten eine Energiepartnerschaft vereinbart. Das Verhältnis Marokkos zu Algerien bestimme die marokkanische Politik gegenüber Europa, insbesondere Spanien.

Letztlich hätte die marokkanische Seite durch diesen "Stresstest" nun viele Nachteile davongetragen, analysiert Daniel Gerlach. Denn nun werde sich gefragt, wie gut die marokkanischen Grenzkontrollen denn überhaupt funktionierten. Das sei schlecht für marokkanischen Beziehungen zur Europäischen Union, für die das nordafrikanische Land als attraktiver Investitionsstandort gelten will.

"Es gibt im diplomatisch-politischen Repertoire Marokkos eine ganze Reihe von Methoden und Druckmitteln, die man aus Gründen einer eigenen marokkanischen Staatsräson, wie ich das nennen würde, durchaus bereit ist anzuwenden."
Daniel Gerlach, Experte für die arabische und muslimische Welt

Ein Konflikt zwischen Marokko und Algerien ist auch die Westsahara. Algerien unterstützt die Unabhängigkeitsbewegung dort, Marokko beansprucht das Land quasi als Staatsgebiet. Mit einem Autonomieplan für die Westsahara konnte Marokko zuletzt die Trump-Regierung auf seine Seite ziehen: Demnach würde die marokkanische Hoheit über die Westsahara anerkannt – bei einem gleichzeitigen Zugeständnis einer gewissen Autonomie der Westsahara. Neben Frankreich hat auch Spanien hat diesen Vorschlag anerkannt. "Das heißt also, auch Spanien hat jetzt diesen Autonomievorschlag als den besten anerkannt und hat sich damit eigentlich sehr klar auf die marokkanische Seite gestellt", erklärt Daniel Gerlach.

Um seine Interessen weiter durchzusetzen, würde Marokko auf verschiedene Methoden und Druckmittel zurückgreifen, meint Daniel Gerlach. "Dazu gehört öffentliche Kritik, dazu gehören Kampagnen in den Medien und dazu gehört durchaus auch das Instrument der Migration." Ob die Migrationsbewegung Richtung Ceuta staatlich gelenkt war oder andere Akteure verantwortliche sind, das sind alles Spekulationen, sagt Daniel Gerlach.

Zu diesen Spekulationen gehört auch, dass möglicherweise die Trump-Regierung dahinterstecken könnte, weil deren Verhältnis zur spanischen Regierung angespannt ist.