Mut tankenWie verlieren wir unsere Angst vorm Autofahren?
Die Angst vor dem Autofahren war bei Mara so groß, dass sie lange behauptete, gar keinen Führerschein zu haben. Häufig sind diese Ängste irrational, sagt eine Verkehrspsychologin. Eine Fahrlehrerin, die hilft, die Angst zu überwinden, gibt Tipps.
Wer, wie Mara, auf dem Land aufwächst, kann es oft kaum erwarten, den Führerschein zu machen. Denn er kann Unabhängigkeit und Flexibilität bringen, wenn am Heimatort ansonsten nur einmal am Tag ein Bus hält. Mara hat nicht lange recherchiert, sondern ist zu der Fahrschule gegangen, wo alle ihren Führerschein gemacht haben.
"Das ist eine total diffuse Angst, die ist immer dabei."
Mit dem Fahrlehrer hat es von Anfang an nicht gepasst, erzählt sie. Sie habe dann auch einen anderen bekommen. Der hat sie zwar durch die Fahrprüfung bekommen, aber Mara hatte nie ein gutes Gefühl beim Autofahren.
Sie hat sich überfordert gefühlt. Zu vieles, was sie im Blick behalten und bedenken sollte. Bei ihr waren es nicht irgendwelche schlimmen Situationen, die ihr das Autofahren vermiest haben. Vielmehr waren es all diese Faktoren zusammen, die es für Mara unerträglich gemacht haben, hinter dem Steuer zu sitzen.
"Wie breit ist das Auto, wie reagiert es, wie schnell, wie langsam, wie sehr muss ich einschlagen? Diese ganzen Sachen waren so eine Überforderung."
Was dabei in ihr vorging, war für andere, die diese Ängste nicht kennen, nicht nachvollziehbar. Immer musste sich Mara anhören, dass doch nichts passieren würde, dass doch eigentlich alle Autofahren können.
Dennoch: Acht Jahre lang ist Mara gar nicht gefahren. Um sich unnötige Diskussionen zu ersparen, hat sie in dieser Zeit einfach behauptet, dass sie keinen Führerschein hat, wenn sie danach gefragt wurde.
Der Umzug in eine Großstadt hat ihr den Alltag ohne Auto erleichtert. Gleichzeitig hat Mara festgestellt, dass es sie einschränkt: Mal spontan wegfahren, irgendwelche Sachen transportieren, im Notfall irgendwohin fahren, ohne dass jemand anderes fährt, Möbel für einen Umzug zu transportieren. All das konnte Mara in dieser Zeit nicht machen.
Mit ihrer Angst vor dem Autofahren ist Mara keinesfalls alleine, vielen geht es wie ihr. Die Angst hat sogar einen Namen: Amaxophobie. Allerdings gibt es kaum konkrete, wissenschaftlich belastbare Zahlen dazu. Nur aus Umfragen und anderen Daten lässt sich hochrechnen, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich davon betroffen sind.
Sich ausmalen, was beim Autofahren alles passieren könnte
Die Angst vor dem Autofahren entsteht oft im Kopf, sagt Ulrich Chiellino. Die Gedanken, die wir uns dabei machen, sind häufig irrational, erklärt der Verkehrspsychologe vom ADAC.
Wir malen uns möglicherweise aus, dass wir in einen Unfall verwickelt werden oder die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren, oder stellen uns ganz spezifische Situationen vor, die uns verunsichern oder uns Angst machen. Zum Beispiel, dass wir eine sehr hohe Brücke überqueren, oder durch längere Tunnel hindurchfahren müssen.
Die Angst vor dem Fahren kann durch ganz unterschiedliche Ursachen ausgelöst werden, erklärt der Verkehrspsychologe:
- Allgemeine Überlastung
- Stresssituationen, die im Straßenverkehr entstehen
- Zeitdruck beim Fahren
- Sorge vor Unfällen
- Sorge vor schwierigen Situationen
Die Kombination aus einem körperlichen Erregungszustand und der Sorge vor Unfällen kann dazu führen, dass wir Angstzustände und Unruhegefühle entwickeln, sagt Ulrich Chiellino.
"Ich war wirklich an diesem Punkt, wo ich gesagt habe: Okay, wenn mich jemand fragt, wer hat hier einen Führerschein, ich sage einfach Nein. Dann ist das jetzt meine Realität."
Nach acht Jahren hat sich Mara dann einer Art selbstauferlegter Konfrontationstherapie unterzogen, die sie aber nicht unbedingt weiterempfiehlt. Sie hat den Job gewechselt und hatte nicht mehr die Möglichkeit, mit den Öffis zur Arbeit zu fahren.
Der radikale Entschluss, den sie dann traf: Auto kaufen, nach Frankfurt und wie im Fiebertraum zwei Stunden zurück nach Hause fahren, wie sie sagt. Und danach einfach jeden Tag 50 Kilometer, jeweils pro Strecke, zur Arbeit fahren.
Die Routine half Mara
Mara sagt heute, dass sie durch die Routine und die häufige Wiederholung dann gar kein Problem mehr mit der Strecke hatte. Inzwischen würde sie sich auch einen Roadtrip mit Freunden ans Meer oder eine Fahrt nach Berlin über die Autobahn locker zutrauen.
Der Weg dorthin ist kein Problem, schwierig wird es für Mara erst innerhalb einer Stadt, wenn sie sich dort nicht auskennt oder der Verkehr sehr dicht ist.
"Ehrlich gesagt haben wir eine Waffe unterm Arsch und es kann viel damit passieren. Und deshalb ist es ja auch so wichtig, dass man sich Zeit nimmt, um gut und sauber zu fahren."
Angst ist nicht per se etwas Schlechtes, sagt Fahrlehrerin Silvia Wirtz, denn sie dient als Schutzmechanismus. Von ängstlichen Autofahrern, mit denen sie Trainings macht, erwartet sie nicht, Ängste zu verdrängen oder zu verleugnen.
Vielmehr geht es der Fahrerlehrerin darum, irrationale Ängste von einem gesunden Respekt vor dem Autofahren zu unterscheiden.
Denn mit Autos kann viel Schaden angerichtet werden, wir haben eine Art Waffe unter dem Hintern, sagt die Fahrlehrerin. Deswegen hält sie ein angemessenes Maß an Respekt für eine gute Haltung, die uns helfen kann, möglichst gut und umsichtig Auto zu fahren.
Irrationale Ängste erkennen
Gleichzeitig hält Silvia Wirtz es für ihre ängstlichen Fahrschüler für unerlässlich, irrationale Ängste zu identifizieren: zum Beispiel die Angst davor, unerwartet in die Leitplanke zu crashen oder am Steuer plötzlich ohnmächtig zu werden.
Gemeinsam mit ihren Kursteilnehmenden erarbeitet die Fahrlehrerin, dass das Situationen sind, die in der Regel nicht vorkommen, und dass solche Gedanken nicht ausschlaggebend dafür sein sollten, ob wir uns hinters Steuer setzen oder nicht.