NeuanfangWann sollten wir uns trauen, was zu verändern?

Marret war unzufrieden im Job und hat den Neuanfang gewagt. Sie macht jetzt eine Ausbildung. Diesen Schritt zu gehen, kann herausfordernd sein. Es gibt aber Wege, wie wir Klarheit im Entscheidungsprozess finden können.

Als Marret noch in ihrem alten Job gearbeitet hat, sah jeder Tag ziemlich gleich aus: Aufstehen, bis ungefähr 14 Uhr arbeiten, dann Zuhause in der Jogginghose auf der Couch abhängen, mal ein Mittagsschlaf, aber mehr ist nicht drin. Keine Energie, Freunde zu treffen und auch nicht fürs Kochen.

Marret hat Inklusions- und Integrationspädagogik studiert und danach an einer Schule gearbeitet. Doch der Job laugt sie mit der Zeit aus, sorgt für schlechte Laune. Immer wieder hatte sie Ideen und Vorschläge eingebracht, aber die wurden in der Regel nicht umgesetzt. Als Arbeiten gegen Windmühlen, beschreibt sie das.

Dann hat Marret zwei Wochen frei, die Osterferien stehen an und plötzlich merkt sie: Ihr geht es spürbar besser. "Ich hatte gefühlt ganz neue Energie und dachte: Scheinbar liegt das wirklich an der Arbeit", erinnert sie sich.

"Ich habe lange gezweifelt, ob eine Ausbildung mit Mitte 20 gut ist oder nicht."
Marret, hat mit 26 noch mal eine Ausbildung angefangen

Was jetzt? Marret ist sich sicher, dass sie etwas verändern möchte und überlegt, wie sie das am besten macht. Soll sie den Arbeitgeber wechseln, den Bereich oder soll es was ganz anderes werden? Ein kompletter Neuanfang mit Mitte 20? Sie denkt auch über einen Quereinstieg nach, aber entscheidet sich dann doch für eine Ausbildung – zur Kauffrau für Versicherungen und Finanzanlagen. Das hat ihr damals als Studijob Spaß gemacht. Also gibt sie dem Ganzen eine Chance.

Neuanfang im Job? Das sind Anzeichen

Bei Marret war es die Kraftlosigkeit, die sie zum Nachdenken gebracht hat. Welche Anzeichen es noch gibt, eine Veränderung in Betracht zu ziehen, weiß Sarah Momoh, Theologin und Coach. Sie berät Menschen, die vor großen Entscheidungen stehen.

"Gerade im Job gibt es ein paar Warnsignale, wenn man merkt, die Unzufriedenheit hört nicht auf", sagt sie. Die sind unter anderem:

  • Feststecken in Gedankenschleifen über die gleichen Probleme
  • Unwohlsein am Arbeitsplatz
  • Die Arbeit macht schon lange keinen Spaß mehr, wir schleppen uns dorthin und haben regelmäßig am Wochenende Bauchschmerzen, wenn wir an die nächste Arbeitswoche denken
"Vor einer Entscheidung wissen wir nie, ob sie zu 100 Prozent richtig ist. Genau das macht Angst. Da ist Mut enorm viel wert. Und man darf auch stolz auf sich sein, wenn man eine Entscheidung getroffen hat."
Sarah Momoh, Theologin und zertifizierter Coach

Über einen Wechsel nachzudenken, kann herausfordernd sein. Aber gleichzeitig auch eine gute Möglichkeit, sich bewusst zu machen, was uns Freude macht, so Sarah Momoh. Wir können uns zum Beispiel fragen: Wie möchten wir unser Leben gestalten? Wo sind wir im Flow? Welche unserer Fähigkeiten und Stärken möchten wir im Job einbringen?

"Was hilft, ist, eine Perspektive zu haben. Also sich klarzumachen, wo möchte ich hin. Und sich nicht nur zu fragen, was gefällt mir nicht. Sondern sich klarzumachen, sich aufzuschreiben, wie möchte ich gerne leben oder wie möchte ich arbeiten", erklärt sie. Diesen Überlegungen können wir einen Zeitrahmen geben und festmachen, bis wann wir eine Entscheidung treffen wollen.

Die Qual der Wahl

Bis sich Marret entschieden hat, hatte sie auch Zweifel, erzählt sie. Soll sie wirklich noch mal eine Ausbildung mit Mitte 20 anfangen? Da sind die Gendanken an die Elterngeneration, die seit gefühlt 30 Jahren im selben Beruf arbeiten. Mit Mitte 20 hätten die nicht gesagt, sie wechseln den Job, sondern hätten ihr erstes Haus gebaut. Marret hat ihren Entscheidungsprozess nur mit ihrem Partner geteilt. Ihren Eltern hat sie es bewusst nicht erzählt. Sie wollte sich in ihren Gedanken nicht verunsichern lassen.

Was Marret anspricht, ist ein Wandel im Berufsleben. Das kann heute sehr unterschiedlich verlaufen und das kann überfordern. "Es gibt heute auch mehr Wahlmöglichkeiten und damit geht dann für die, die sich das theoretisch leisten können, auch ein Druck oder eine Notwendigkeit einher, über diese Möglichkeiten nachzudenken", erklärt Helen Franziska Veit. Sie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Tübingen. Was die Entscheidung auch beeinflusse, sind die sozialen und kulturellen Umstände, in denen wir leben.

Marret hat nach vielem Nachdenken die Ausbildung gewählt. Lieber in den sauren Apfel beißen und zweieinhalb Jahre investieren. So lange sei das auch wieder nicht. Gerade wenn die Hoffnung bestehe, die nächsten 20 Jahre mit dem neuen Job zu verbringen, erinnert sie sich. Heute merkt sie: Arbeiten macht wieder Spaß.

In der Podcast-Folge geht Theologin und Coach Sarah Momoh noch weiter darauf ein, wie wir damit umgehen können, wenn wir merken, dass wir uns mit unserer Entscheidung doch nicht wohlfühlen und wie wichtig es ist, dass wir uns in diesem Entscheidungsprozess Phasen der Ruhe geben. Klickt dafür oben auf den Play-Button.