NS-Staat und KircheKardinal von Galen zwischen Anpassung und Widerstand
Der katholische Bischof Clemens August Graf von Galen wurde für seinen Widerstand gegen das NS-Regime bekannt. In seinen Predigten prangerte er die Euthanasie-Programme der Nazis an. Neben Verehrung gibt es aber auch Kritik am "Löwen von Münster".
Soziales Engagement und eine klare Sprache für die Anliegen der "kleinen Leute" - das waren zwei Eigenschaften, die Clemens August Graf von Galen ausmachten. Sie kamen nicht von ungefähr:
Sein Vater, Ferdinand Heribert Graf von Galen, ist Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei und prägt ihn sehr. Ebenso sein Großonkel Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, der großen Einfluss auf die katholische Soziallehre und die Bewegung für Arbeitnehmerrechte hat.
In ein altes westfälisches Adelsgeschlecht und einen katholischen Haushalt in Vechta geboren, einem Städtchen zwischen Bremen und Osnabrück, studiert er nach dem Abitur zunächst Philosophie, Geschichte und Literatur im schweizerischen Freiburg.
Papst-Audienz als Start einer Kirchen-Karriere
Während einer Romreise erhält Clemens August Graf von Galen 1898 dann eine Privataudienz bei Papst Leo XIII., der sehr viele Sozialenzykliken verfasste. Er beschließt in der Folge, Priester zu werden.
1899 tritt er in das Jesuiten-Konvikt Canisianum in Innsbruck ein, setzt an der dortigen Universität sein Philosophie-Studium fort und beginnt außerdem, Theologie zu studieren. 1903 wechselte er nach Münster ins Priesterseminar und an die Universität.
1904 wird von Galen schließlich zum Priester geweiht. Im Laufe der folgenden Jahre macht er dann Karriere innerhalb der katholischen Kirche in Berlin und Münster.
Anhänger der nationalen Rechten
Während der Zeit der Weimarer Republik deutet zunächst nichts daraufhin, dass von Galen später zu den Gegnern des NS-Regimes gehören würde. Noch 1919 teilte er etwa einige nationalkonservative Ansichten wie etwa die Dolchstoßlegende, die der sogenannten "Heimatfront" aus Juden und Kommunisten die Schuld am verlorenen Ersten Weltkrieg in die Schuhe schob. Als Anhänger der nationalen Rechten unterstützt er 1925 Paul von Hindenburg im Präsidentschaftswahlkampf.
In Berlin lernt von Galen Eugenio Pacelli, den Nuntius des Vatikan und späteren Papst Pius XII., kennen. 1933 wird er zum Bischof von Münster geweiht.
Verurteilung der Ermordung "lebensunwerten Lebens"
Als er von den Verbrechen der Nationalsozialisten an körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen erfährt ("Aktion T4"), bezieht er dazu von der Kanzel verschiedener Kirchen in Münster öffentlich Stellung. Er verurteilt die Ermordung von Menschen, die im Nazi-Jargon als "lebensunwert" oder "unproduktiv" bezeichnet werden.
"Von Galen gilt bei den Nazis als Landesverräter und Staatsfeind und rechnet ständig mit seiner Verhaftung. Doch die Nationalsozialisten schrecken davor zurück, einen katholischen Märtyrer zu schaffen und einen Aufruhr im Bistum zu riskieren."
Seine Predigten werden abgeschrieben, kopiert und verteilt. Die Wirkung ist groß und wird vom NS-Regime als gefährlich wahrgenommen. Doch die Nazis lassen den Bischof gewähren, weil sie befürchteten, die Verhaftung eines derart populären Kirchenmannes würde die katholische Bevölkerung empören. Eine Bestrafung – so Propagandaminister Josef Goebbels – solle in der Zeit nach dem "Endsieg" erfolgen. Doch dazu kommt es nicht.
Der "Löwe von Münster"
Nach dem Krieg wird Bischof von Galen für seine Standhaftigkeit und seinen Einsatz für die Menschenrechte als "Löwe von Münster" verehrt. Am 18. Februar 1946 wird er von Papst Pius XII. zusammen mit Joseph Frings und Konrad Graf von Preysing zum Kardinal ernannt. "Der Heilige Vater hat damit anerkannt, daß nicht alle Deutschen vollzählig der Verdammung unterliegen, die die Welt gegen sie aussprechen wollte", so von Galen damals.
Bereits einen Monat später, am 22. März 1946, stirbt Kardinal von Galen, zurück in Münster, an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs. 2026 jährt sich sein Tod zum 80. Mal.
Ihr hört in Eine Stunde History:
- Der Dülmener Theologe und Pfarrdechant Markus Trautmann beschreibt die Motive, die Kardinal von Galen während der NS-Zeit antreiben.
- Bernd Haunfelder ist Münsteraner Stadthistoriker und erläutert den Umgang Münsters mit dem "großen Sohn" der Stadt.
- Christoph Kösters ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bochumer Kommission für Zeitgeschichte und befasst sich mit dem Verhältnis der katholischen Kirche zum NS-Staat.
- Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld fasst die biographische Stationen Kardinal von Galens zusammen.
- Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Esther Körfgen zitiert aus den abgeschriebenen Predigten von Galens, die sie von ihrer Großmutter geerbt hat.