Orbán unter DruckRegiert Péter Magyar bald Ungarn?
16 Jahre lang ist Viktor Orbán in Ungarn an der Macht. In der Zeit baute seine rechtsnationale Fidesz-Partei den Staat systematisch um und höhlte demokratische Kontrollmechanismen aus. Doch wenige Tage vor der Parlamentswahl am 12. April 2026 ist die Lage so offen wie nie.
In unabhängigen Umfragen liegt Orbáns Fidesz seit Monaten deutlich hinter der konservativ-proeuropäischen Tisza-Partei von Péter Magyar – teils mit rund zehn Prozentpunkten Abstand, sagt Oliver Soos, unser Korrespondent im ARD Studio Wien, der den ungarischen Wahlkampf verfolgt.
"Viktor Orbán stand in den letzten 16 Jahren seiner Präsidentschaft noch nie so unter Druck."
Im Wahlkampf setzt Orbán kaum auf innenpolitische Reformversprechen, stattdessen versucht er, eine düstere Kriegsstimmung zu erzeugen, berichtet Oliver. Herausforderer Magyar werde als Marionette der EU dargestellt, die ungarisches Geld nach Brüssel gebe, das später in den Ukrainekrieg fließe.
Orbáns Kampagne setzt zudem auf drastische Bilder: "Es gibt ein KI-Video, in dem man die fiktive Erschießung eines ungarischen Soldaten sieht", erzählt unser Korrespondent.
Péter Magyar: vom Unterstützer zum Gegner Orbáns
Dass Orbán nun ernsthaft um seine Macht fürchten muss, liegt an Magyar. Der 45-Jährige unterstützte als Diplomat in Brüssel die rechtspopulistische Regierung. "Bis 2024, dann kam der Bruch", sagt Jana Niehof. Die Deutschlandfunk-Nova-Reporterin hat sich den rasanten Aufstieg von Magyar genauer angesehen:
Auslöser für den Bruch war ein Missbrauchsskandal. Die Regierung hatte eine Begnadigung in einem Fall ermöglicht, der mit einem pädophilen Schuldirektor in Verbindung stand. Es kam zu Massenprotesten. Als politische Konsequenz (und "Bauernopfer" wie Beobachter*innen sagen), musste Justizministerin Judit Varga zurücktreten – Magyars Exfrau.
Magyar wandte sich daraufhin gegen das Orbán-System. In einem eineinhalbstündigen Interview sprach er ausführlich über Korruption und Vetternwirtschaft in der Regierung. Das Video wurde millionenfach geklickt und machte ihn auf einen Schlag bekannt.
Kurz danach trat Magyar in die damals unbedeutenden Mitte-rechts-Partei Tisza ein, übernahm ihre Führung und führte sie im selben Jahr bei der Europawahl zu überraschend starken Ergebnissen. Seitdem ist Magyar EU-Abgeordneter. Parallel macht er Wahlkampf in Ungarn. Und dabei macht er so manches anders, als die Opposition in den vergangenen Jahren, berichtet Jana Niehof.
Magyars Wahlkampf: zwischen Show und Nahbarkeit
Zu Veranstaltungen erscheint er mitunter spektakulär: mal mit dem E-Roller, mal im Kanu. Er gibt sich nahbar, spricht mit Bürger*innen über Alltagsprobleme wie Schlaglöcher, kaputte Krankenhäuser oder fehlende Klimaanlagen in Regionalzügen. Auf Social Media vermarktet er sich offensiv und nennt sich dort "Péter Magyar Official – THE MAN".
"Magyar tourt seit zwei Jahren ununterbrochen durch Ungarn und hält nicht nur in jeder Stadt, sondern auch in jedem Dorf – also genau da, wo Orbáns Partei so beliebt ist."
Trotz seines Oppositionskurses ist Magyar kein politisches Gegenmodell zu Orbán, betont Jana: "Er zeigt sich patriotisch, ist konservativ und vertritt in einigen Punkten ähnliche Positionen wie Orbán – etwa bei Migration." Zu Themen wie LGBTQ-Rechten äußere er sich hingegen gar nicht. Allerdings ist er pro-demokratisch und -europäisch, so unsere Reporterin. Das unterscheide ihn am meisten von Orbán.
Um Ungarn zu reformieren, reicht keine einfache Mehrheit
Unterstützt – oder zumindest geduldet – wird Magyar von den Grünen, den Liberalen und linken Kräften in Ungarn. Viele von ihnen verzichten bewusst auf eigene Kandidaten, weil sie in den vergangenen Jahren keine Chance gegen Orbán hatten, erklärt unser ARD-Korrespondent Oliver Soos.
"Es ist sozusagen der letzte Schuss, den die Opposition noch übrig hat. Alle setzen auf Péter Magyar."
Selbst wenn die Tisza-Partei gewinnt, wäre Orbáns System nicht sofort beseitigt. In 16 Jahren hat Fidesz Verfassung, Institutionen und Verwaltung tiefgreifend verändert.
Oliver erklärt: Um diese Umbauten rückgängig zu machen, braucht Magyar möglichst eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Nur dann könnten die Verfassung reformiert und das politische System grundlegend verändert werden.
Bleibt die Tisza-Partei darunter, könnten Orbáns Strukturen viele Reformen blockieren, was wiederum Wähler*innen enttäuschen und sie Orbán wieder zuwenden könnte, sollte er nach einer Wahlniederlage erneut antreten.