Fotos, Apps, ChatsWie geht digitale Ordnung?
Bei Frieda meldet sich manchmal das schlechte Gewissen, wenn sie auf ihre ungelesenen Nachrichten schaut. Digitale Unordnung kann uns stressen. Wie in unserer Wohnung sollten wir auch auf unserem Handy und Computer aufräumen. So geht's.
11.388 Fotos hat Frieda auf ihrem Handy. Auf einer Festplatte und ihrem Laptop liegt noch mehr. Ihr Download-Ordner ist eine große Baustelle. "Keine Ahnung, wie viele Sachen da drin sind – unzählbar", sagt sie.
"Ich finde es manchmal mega anstrengend, digitale Ordnung zu halten."
Digitale Ordnung halten ist bei ihr so eine Sache. Beruflich läuft das besser: Ihre E-Mails sind top sortiert. Doch für alles Private fehlt die Struktur, sagt sie. Bei Fotos ist das ähnlich wie bei unbeantworteten Nachrichten in Chats. Hier irgendwo anzufangen, das zu sortieren ist besonders eins: anstrengend.
Digital Hoarding
Digitale Unordnung – also eine Überflutung mit Infos oder volle Chats – kann für Stress sorgen, sagt Julia Zeller-Lanzl. Sie leitet den Arbeitsbereich digitale Innovation und Transformation an der Uni Hamburg und forscht zu digitalen Technologien.
Bei Chatnachrichten, Mails und Co. komme auch eine gewisse Unvorhersehbarkeit hinzu. Also die Tatsache, dass rund um die Uhr die nächste Nachricht reinkommen kann. Die Menge an ungelesenen oder unverarbeiteten Inhalten nimmt damit noch weiter zu.
"Kontrolle zu haben beziehungsweise Kontrolle zu verlieren, ist einer der zentralen Aspekte, warum sich Menschen gestresst fühlen."
Zudem machen digitale Technologien Situationen möglich, die es in der physischen Welt nicht geben würde: Wir können in Chats zum Beispiel zehn Gespräche gleichzeitig führen. Im realen Leben würden wir aber wahrscheinlich nicht mit all diesen Personen an einem Tisch sitzen und zehn Gespräch zur selben Zeit haben.
Digitalisierung führt zu Parallelisierung und Beschleunigung
"Digitale Technologien ermöglichen uns, das zu parallelisieren, zu beschleunigen. Damit müssen wir erst mal lernen, umzugehen", so Julia Zeller-Lanzl.
Hinzu komme, dass Menschen sich auch ungern von Dingen trennen. Wir verdrängen lieber, frei nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn. Alles schön in der Fotogalerie geparkt und einfach nicht mehr daran denken, es könnte ja sein, dass wir Foto xy irgendwann noch mal brauchen.
Digital Hoarding wird das auch genannt.
Das digitale Zuhause aufräumen
Digitale Unordnung kann dann zum Problem werden, wenn sie unseren Alltag belastet, sagt André Bosse. Er begleitet Menschen als Coach dabei, Prioritäten zu setzen und Selbstorganisation zu lernen.
Wer aufräumen möchte, solle erst mal Geduld mitbringen. Ausmisten braucht Zeit. André Bosse vergleicht das mit dem Aufräumen zuhause. Hier regelmäßig für Ordnung zu sorgen, führt dazu, nicht im Chaos zu versinken.
"So sollte man das auch auf den Digitalgeräten machen und sich dann – so, wie man es ja auch zuhause macht – nur ein Zimmer gleichzeitig vornehmen", erklärt er. Also zum Beispiel erst mal mit den Fotos anfangen und sich dann zu einem späteren Zeitpunkt das Mailfach vornehmen.
Statt alles auf dem Desktop zu lagern, kann eine Dokumenten-Ablage mit Kategorien helfen. Als Anfangskategorien empfiehlt er: Berufliches und Privates. Darin können dann wiederum weitere Kategorien angelegt werden wie Familie, Freizeit, Gesundheit oder Finanzen .
"Ich vergleiche das gerne damit, dass man auch regelmäßig seine Wohnung aufräumt, um nicht dem Chaos zu versinken. So sollte man das auch auf den Digitalgeräten machen."
Wenn es ans Aussortieren geht, beispielsweise von Fotos, können wir uns die Frage stellen: Was ist eine echte Erinnerung? Und was ein Schnappschuss, den wir uns nicht noch mal anschauen werden? Aufheben sollten wir das, womit wir etwas verbinden, rät der Coach. Alles andere kann weg.
Damit wir weniger anhäufen, können wir uns vor dem Abspeichern überlegen, ob wir tatsächlich alle Dateien brauchen. Muss ich die automatische Download-Funktion auch im Gruppenchat aktivieren? Brauche ich von dem Kinoticket wirklich noch einen zusätzlichen Screenshot?
Was helfen kann ist, sich eine feste Routine aufzubauen. Die kann zum Beispiel immer freitags sein, bevor es ins Wochenende geht. "Es muss nicht lange sein. Ein halbes Stündchen oder eine Viertelstunde reicht meistens schon", sagt der Coach. Danach könne man dann beruhigt und entspannt ins Wochenende gehen.