Das perfekte Buch......für den Moment, wenn du kein Match hast

Zeko leidet. Die Erinnerung an Hassan schmerzt. In seinem Debütroman "Hundesohn“ beschreibt Ozan Zakariya Keskinkılıç Zekos Glaube, seine Zerrissenheit und quälende Sehnsucht auf sehr poetische und doch ganz direkte Art und Weise.

Er braucht nicht viel, um glücklich zu sein: Geld für Bücher. Ein Gebet. Und schöne Männer in seinem Bett. Männer mit Leberflecken, die er bis ins Unendliche zählen kann. Männer mit heller Haut. Männer mit dunkler Haut. Behaarte Männer. Unbehaarte Männer. Große Männer, verspielte Männer, beißende Männer. Männer, die ohne Pause reden. Männer, die schweigen. Männer, die sagen, was sie wollen, die kleiner Löffel sein wollen, "pretty little boys" – Männer wie Hassan.

Was er nicht braucht, sind Männer, die ihm wehtun. Männer, die eine Stunde zu spät zum Date kommen. Männer, die nicht zurückschreiben und das mit ihrer ADHS entschuldigen wollen. Männer mit Geschlechtskrankheiten.

Im Bett mit den falschen Männern

Es ist 10:03 Uhr, als Zeko die Apotheke betritt. Er wünscht einen guten Morgen und verlangt etwas gegen Filzläuse. Der Apotheker reißt die Augen auf. "Filzläuse, du Wichser", würde Zeko gern sagen. Das tut er aber nicht. Stattdessen nennt er dem Mann hinter dem Tresen den lateinischen Namen: "Pthirus pubis".

Für Zeko ist es nicht das erste Mal. Angenehm sind die kleinen Viecher nicht. Der Preis von 14,95 für ein kleines Spray tut aber irgendwie mehr weh. Dafür würde Zeko fast zehn Lahmacun ohne Salat im Wedding kriegen. Oder Palak Paneer mit einem Butter-Naan in Neukölln.

Jetzt zählt Zeko die Tage zurück und überlegt, wem er die 14,95 zu verdanken hat: Vielleicht Chris, der nur kuscheln wollte, obwohl er vorher ziemlich doll rumgeprahlt hat? "I will do this for you. I will do that for you."

Adana liegt noch neun Tage entfernt

"Der Körper hat Ihnen ein Zeichen gegeben", sinniert die Therapeutin, bei der Zeko sieben Stunden später sitzt. "Damit sie jetzt Ruhe finden können." Zeko sitzt am Fenster und starrt hinaus, während er mit ihr spricht. Draußen bellt ein Hund. Drinnen bellt Hassan in Zekos Kopf, der "Hundesohn", den er so sehr vermisst.

"Was fühlen Sie in diesem Moment?" fragt die Therapeutin. Und: "Wie stark ist das Gefühl von eins bis zehn?". "Neun", sagt Zeko. In neun Tagen wird er Hassan wiedersehen. In Adana. Aber das sagt er nicht. Seine Therapeutin weiß viel. Von den Apps, von den Matches und den Dates. Aber von Hassan weiß sie nichts.

"Sie müssen lernen, sich selbst wertzuschätzen", wird sie später sagen. Und: "Sie sind genug. Sie sind wertvoll." Sie wird ihn auffordern, das zu wiederholen. Und Zeko wird es versuchen. Wird es laut aussprechen und mehrmals wiederholen: "Ich bin genug. Ich bin wertvoll." Fast wird er es glauben.

Aber nur fast.

Menschliche Körper wie Landschaften

Ozan Zakariya Keskinkılıç beschreibt in seinem Debütroman auf unnachahmlich poetische Weise die Topografie menschlicher Körper: Landschaften, die man erkunden kann, Achselhöhlen, Pobacken und Brustbeine. Ein Wimpernschlag wird zur Mimosen-Blüte, die sich schreckhaft schließt und wieder öffnet. Leberflecke werden zu zerstreuten Sesamkörnern. Und Haut riecht nach Orangenschalen und Salz.

Zeko geht es nicht gut. Die Erinnerung an Hassan schmerzt. Vor allem die vom letzten Sommer. Bisher ist er jedes Jahr in die Türkei gefahren. In neun Tagen wieder. Wenn nichts dazwischen kommt. Aber was kann ihn eigentlich aufhalten?

Der Autor: Ozan Zakariya Keskinkılıç, geboren 1989, studierte Politikwissenschaften in Wien, Berlin und Cambridge. 2022 erschien sein Lyrikdebüt "Prinzenbad" im Elif Verlag, 2023 das Sachbuch "Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes" im Verbrecher Verlag. Seine Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht (unter anderem "anders bleiben", Rowohlt 2023) und in mehrere Sprachen übersetzt.

Das Buch: "Hundesohn" von Ozan Zakariya Keskinkılıç, Suhrkamp, 220 Seiten, gebundene Ausgabe: 24 Euro, eBook: 19,99 Euro, Taschenbuch erscheint im November 2026; Hörbuch, gelesen vom Autor, ET: 17.09.2025