PopmusikEs geht immer mehr ums Ich

Popmusik hören auch Forschende gern – beruflich. Denn die kann zeigen, wie es uns als Gesellschaft geht. Aktuelle Studien haben die Hits der vergangenen Jahre untersucht und klare Tendenzen gefunden. Nur ein Genre bildet eine Ausnahme.

Ich, ich, ich – so könnte man zusammenfassen, wie sich die Popmusik in den vergangenen rund 50 Jahren verändert hat: Sie ist zunehmend selbstbezogener geworden.

Das hat sich ein internationales Team aus Forschenden angesehen. Für ihre Studie haben sie die Top Ten aus den USA, Deutschland, Japan und Hongkong seit 1970 mithilfe einer KI untersucht.

Dabei hat sich gezeigt, dass der Ich-Bezug über die Jahre langsam mehr wird. Ein Beispiel: "Wake Me Up" von Avicii aus dem Jahr 2013. Der Hit wurde alleine auf Spotify über drei Milliarden Mal gestreamt. Im Text findet sich viel selbstbezogene Sprache wie "me", "I", "myself".

"Ich-Bezogenheit steigt weltweit an, aber in den Songs aus Japan und Hongkong der letzten Jahrzehnte kann man das nicht ablesen."
Klaus Jansen, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Mehr Ich-Bezug haben die Forschenden in der Popmusik in den USA und in Deutschland feststellen können. In Japan und Hongkong aber nicht. Dort geht es in Songtexten ums "Wir" und "uns". Der Trend ist also nicht universell, sagt Leoni Masroujah von der Uni Aberdeen. Sie ist eine der Studienautor*innen.

Diese Erkenntnis hat die Forschenden überrascht. Für die Wissenschaft ist Musik interessant, weil sie Hinweise darüber geben kann, wie es einer Gesellschaft geht.

Mehr Ich und weniger positiv

Eine weitere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Texte negativer und weniger moralisch geworden sind – und das über alle Genres hinweg.

Es geht mehr um Probleme wie Schäden, Betrug, Zerstörung. Im Schnitt betrifft das vor allem Songs, die von Männern gesungen werden, erklärt Deutschlandfun-Nova-Reporter Klaus Jansen.

Die Forschenden haben für ihre Studie fast 400.000 englischsprachige Lyrics ab 1960 von einer KI auswerten lassen. Andreas Kaltenbrunner von der Uni Pompeu Fabra in Spanien gehört zum Forschungsteam.

Er vermutet, dass es zwischen der Entwicklung in den Songtexten und der Stimmung in der Gesellschaft einen Zusammenhang geben könnte. Das zeige sich in weniger Zuversicht und mehr Angst, etwas verlieren zu können. Genaue Rückschlüsse dafür können die Forschenden aus ihrer Studie aber nicht ziehen.

Lieder, die vor allem positiv auf die Welt blicken, gibt es auch: besonders im Schlager.