Populismus als WaffeWie Big Tech Demokratie und Öffentlichkeit kaputtmacht

Aufmerksamkeits-Milliardäre zerstören unsere Öffentlichkeit, schaffen die Demokratie ab und arbeiten an der Digitalokratie. Medienwissenschaftler Martin Andree warnt vor den Folgen – und macht Vorschläge.

Das Internet ist alles anderes als frei und die Metapher vom Netz ist inzwischen Unsinn, sagt Martin Andree. Denn in einem Netz ist jeder Knotenpunkt gleichberechtigt. Das ist im Hinblick aufs World Wide Web Geschichte. Nach Andrees Untersuchung haben ganz wenige Plattformen fast alles und alle anderen haben so gut wie nichts. Das, was wir Netz nennen, besteht seiner Analyse nach aus "Monopolisten und einem riesengroßen Friedhof".

"Das freie Internet wurde abgeschafft."
Martin Andree, Medienwissenschaftler, Universität Köln

Umso befremdlicher, so Andree, sei die Rede der Monopolisten von Befreiung und Meinungsfreiheit. Dabei basiere doch das Geschäftmodell der Plattformen auf Traffic-Manipulation und der Einengung von Öffentlichkeit. Gleichzeitig verliere der Journalismus unter digitalen Bedingungen seine Grundlage.

"Die Plattformen entscheiden, was die Menschen zu sehen bekommen und was nicht."
Martin Andree, Medienwissenschaftler, Universität Köln

Allen anderen, ob Blogger, Unternehmen oder Politiker, verblieben nur zwei strategische Optionen: Entweder die Spielregeln der Tech-Giganten akzeptieren – oder in der Unsichtbarkeit verschwinden.

Die neue Ordnung wird durch digitale Monopole beherrscht

Andree bezeichnet diese Welt als "Digitalokratie" und schaut sich die Vordenker dieser Ideen an. Ihr Ziel: Die Abschaffung einer geteilten gesellschaftlichen Wahrheit. Die Folgen: Massive Unfreiheit und Fremdbestimmung, verkauft allerdings unter dem Label "Meinungsfreiheit".

"Das Faszinierende: Meinungsfreiheit ist der geteilte Fetisch der Tech-Konzerne und der Rechtspopulisten gleichermaßen."
Martin Andree, Medienwissenschaftler, Universität Köln

Das Internet ist zweigeteilt

Andree begreift "Öffentlichkeit" als Grundlage unserer Demokratie. Diese aber werde gezielt demontiert und zerstört.

"Der öffentliche Raum wie die uns gemeinsame Welt versammelt Menschen und verhindert gleichzeitig, dass sie gleichsam über- und ineinanderfallen."
Hannah Arendt aus "Vita Activa oder Vom tätigen Leben" (1960)

Der Redner lässt der Analyse Handlungsmöglichkeiten folgen. Das Wesentliche sei, Rechtsprivilegien der Plattformanbieter abzuschaffen. Da sie Geld verdienten wie Medien, müssten sie auch wie Medien behandelt werden. Folgende Privilegien führt er an:

  • Haftungs-Privileg ("Warum haften sie nicht für ihre Inhalte?")
  • Straftaten-Privileg ("Wieso können sie mit strafbaren Inhalten Geld verdienen?")
  • Monopol-Privileg ("Wieso dürfen sie als Monopolisten operieren?")
  • Instrumentalisierungs-Privileg ("Wieso kann zum Beispiel Elon Musk seine Plattform für Wahlkampfzwecke nutzen?")

Martin Andree ist Medienwissenschaftler an der Universität Köln mit dem Schwerpunkt "Digitale Medien". Seinen Vortrag mit dem Titel "Digitalisierte Demokratie – Geht das überhaupt?" hat er am 7. Dezember 2025 gehalten, im Rahmen von "Verstehen, was ist. Ein Tag für Hannah Arendt" im Berliner Maxim-Gorki-Theater. Die Veranstaltung wurde ausgerichtet durch das Bard College Berlin, die Internationale Hannah Arendt Gesellschaft und das Maxim Gorki Theater.