Pretty PrivilegeWarum lassen wir uns von Schönheit manipulieren?
Helena ist sich ihres Pretty Privilege durch ihr normschönes Aussehen sehr bewusst. Für sie ist es ein vielschichtiges und auch politisches Thema. Gutes Aussehen kann unser Leben positiv beeinflussen, aber in seltenen Fällen auch Nachteile bringen.
Ein "Nein", das bekommt Helena so gut wie nie zu hören, sagt sie. Was sie möchte, bekommt sie auch. Sie sagt, dass das an ihrem guten Aussehen liegt. Vorteile, die wir durch unser Äußeres haben, werden auch als Pretty Privilege bezeichnet.
Manche Content Creator*innen starten sogar Pretty-Privilege-Challenges in den sozialen Medien, um zu zeigen, welche Vergünstigungen und Geschenke sie allein aufgrund ihres Aussehens bekommen.
Helena ist auch in den sozialen Medien aktiv, wo sie über Themen wie Pretty Privilege spricht, aber im Hauptberuf ist sie Grundschullehrerin. Wenn Schüler*innen ihr sagen, dass sie schön sei, versucht sie zu vermitteln, dass auch Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft wichtig sind.
Menschen gehen inzwischen respektvoller mit Helena um
Wie kann sich Helena aber so sicher sein, dass Menschen besser auf sie reagieren, weil sie gut aussieht? Sie weiß es, weil sie den Unterschied selbst erlebt hat. Als sie bis vor einigen Jahren noch übergewichtig war und kurzrasierte Haare trug, seien Menschen anders mit ihr umgegangen, sagt sie.
Schon in der Schulzeit hat sie das deutlich zu spüren bekommen. Weil sie und ihre beste Freundin den Unterricht verpasst hatten, bat sie einen Mitschüler um seinen Hefteintrag. Der wollt ihn ihr nicht geben, jedoch ihrer Freundin, weil die schön sei.
"Mir hat lange niemand 'Nein' gesagt, wenn ich gefragt habe, kannst du das für mich machen? Kann ich das haben? Könntest du mir da helfen."
Irgendwann hat Helena entschieden, dass sie abnehmen möchte, um nicht weiter ausgesondert und gemobbt zu werden. Die psychische Belastung wurde immer größer. Sie hat sich die Haare wachsen lassen und ihre feminine Seiten hervorgehoben.
Helena sagt, dass sie mit ihrem Aussehen inzwischen in eine Kategorie fällt, die sie als 'normschön' bezeichnet. Sie beschreibt sich selbst als schlank, weiß und gebildet, sowie mit einem femininen Erscheinungsbild. Damit hat sie ein Äußeres, das in unserer Gesellschaft mehrheitlich als schön und attraktiv wahrgenommen wird. Und das zeigt sich auch deutlich in ihrem Alltag:
"Insgesamt sind einfach alle viel, viel netter. Ich glaube, es ist tatsächlich einfach., weil ich aussehe, wie ich jetzt aussehe. Und das ist crazy, wie viel einfacher das Leben ist."
Helena merkt es daran, dass Menschen ihr bereitwillig helfen, ohne dass sie fragt. Oder ihre Wünsche nicht ausgeschlagen werden, wenn sie darum bittet. Auch die Schüler*innen der Grundschullehrerin sagen ihr immer wieder, dass sie schön ist. Zudem bemerkt sie an Körpersprache und Gestik, dass Menschen ihr zugewandter sind, seitdem sich ihr Äußeres radikal verändert hat. Früher war das anders, sagt sie. Schüler*innen hatten weniger Respekt, haben sich nicht gefreut, wenn Helena ihnen zugeteilt wurde, und haben sie nie als schön bezeichnet.
Pretty Privilege kann auch Aspekte von Rassismus und Klassismus enthalten
Für Helena ist Pretty Privilege ein vielschichtiges und auch politisches Thema. Sie weiß, dass es auch eine Frage von Rassismus, Klassismus und sozialer Teilhabe sein kann, ob wir die Möglichkeit haben, auf bestimmte finanzielle und ideelle Ressourcen zugreifen können. Und dass wir diesen Vorteil, den das bringt auch nutzen können, um noch mehr in uns selbst zu investieren. Helena würde sich die Haare nicht mehr abrasieren, weil es ihr die Chance auf Jobs verwehren könnte, die sie haben möchte.
Andere haben aber in vielen Hinsichten nicht die Möglichkeit solche Entscheidungen zu treffen, weil ihnen möglicherweise die Mittel fehlen. Dieses Pretty Privilege, das Helena genießt, macht ihr deswegen auch zum Teil ein schlechtes Gewissen. Es ist ein Dilemma, dass sie aushalten muss, sagt sie.
Schönheit kann Karriere beeinflussen
Die Grundschullehrerin nimmt wahr, dass ihr Leben nun leichter ist. Und das bestätigt auch die Wissenschaft, sagt der Soziologe und Attraktivitätsforscher Ulrich Rosar. Wenn wir andere Menschen bewerten, neigen wir dazu, attraktiveren Menschen mehr positive Persönlichkeitseigenschaften zuzuschreiben, so der Soziologe.
Eine Reihe von Forschungsbefunden zeige, dass attraktive Menschen in nahezu jeder Dimension besser bewertet werden als unattraktive Menschen: Egal, ob es um Sympathie, Intelligenz, Durchsetzungsfähigkeit oder Kreativität geht. Unbewusste Denkmuster, in der Wissenschaft als "unconscious bias" bezeichnet, tragen dazu bei.
Schnellere Karriere und höherer Verdienst
So kann es durchaus passieren, dass Menschen, die wir als schön bewerten, schneller die Karriereleiter hochklettern und dadurch zum Beispiel auch mehr verdienen als Menschen, die als nicht so attraktiv gelten.
Im Topmanagement kann sich Schönheit für Frauen jedoch auch als Nachteil auswirken. Denn mit steigender äußerlicher Schönheit werden Frauen auch mehr weibliche Stereotype zugeordnet – und das kann die Karriere dann behindern.
"In der Tat ist es so, dass Schönheit nicht überwiegend im Auge des Betrachters liegt, sondern überwiegend etwas ist, wo wir alle zu sehr ähnlichen Einschätzungen kommen."
Mailin Modrack ist Psychologin und Trainerin für Positive Psychologie. Das Pretty Privilege ist eine Wahrnehmungsverzerrung, die in vielen unterschiedlichen Kontexten eine Rolle spielen kann: im Unternehmenskontext, in Bewerbungsverfahren, in der Medizin und auch in rechtlichen Situationen – beispielsweise, wenn Straftäter*innen aufgrund ihrer Attraktivität ein geringeres Strafmaß erhalten.
Wichtig ist es aus ihrer Sicht:
- Sich im ersten Schritt diese Wahrnehmungsverzerrung bewusst zu machen
- Im sozialen Austausch mit anderen zu kommunizieren
- Sich und das eigene Verhalten zu reflektieren
Insgesamt stellt Mailin Modrack fest, dass das Bewusstsein für das Pretty Privilege auf der gesellschaftlichen und strukturellen Ebene zunimmt und Unternehmen beispielsweise auch mit Schulungen gegensteuern.