Psychische GesundheitChancen und Grenzen von Selbsthilfegruppen

Wenn wir alleine mit einer Erkrankung oder den eigenen Struggles nicht mehr weiterkommen, dann kann es helfen, sich mit anderen Betroffenen in einer Gruppe auszutauschen. Wann das Sinn macht und wann nicht, erklärt der Psychiater Bastian Willenborg.

Bastian Willenborg ist Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie. Manchen Patient*innen empfiehlt er, eine Selbsthilfegruppe zu suchen, um sich dort mit anderen auszutauschen. Vor allem dann, wenn die Patient*innen etwa sagen: 'Mein Umfeld versteht mich gar nicht' oder 'Ich kenne niemanden, dem es so geht wie mir.'

"Selbsthilfegruppe ist auch keine Gruppentherapie, das wiederum wäre ja dann auch wieder angeleitet von einem Therapeuten oder einer Therapeutin."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Der Arzt sagt ganz klar: Eine Selbsthilfegruppe ersetzt keine Therapie. Aber als zusätzliches Angebot könne sie Betroffenen wirklich helfen – egal ob es um Alkoholabhängigkeit, um psychische Krankheiten, ADHS oder etwas anderes gehe. Ein Vorteil sei, dass Menschen merken, sie sind nicht alleine mit ihrem Problem. "Plötzlich gibt es dann vielleicht schon eine Gruppe, wo man denkt, okay, ich gehöre dazu und bin nicht so skurril oder sowas", sagt Bastian Willenborg. Es könne auch entlastend wirken, wenn man sieht, dass andere die gleichen Probleme haben.

Hinzu kommt, man kann auch voneinander lernen, etwa um mit einer Krankheit im Alltag besser klarzukommen oder um Hoffnung auf Besserung zu schöpfen. Zum Beispiel wenn andere Betroffene erzählen, dass es ihnen inzwischen viel besser geht.

Ärzte und Therapeuten tragen Verantwortung für Patienten

Um medizinisches Wissen über eine Krankheit oder eine Störung erhalten, da sollte man sich lieber an ausgebildete Expert*innen wenden, sagt Bastian Willenborg: "Dafür gibt es so etwas wie Psycho-Edukations-Gruppen, das heißt, wenn du in einer Depressionsgruppe bist, lernst du über die Erkrankung. Und dann finde ich es schon gut, wenn das nicht Betroffene vermitteln, sondern wenn das tatsächlich Fachpersonal vermittelt."

Ein ganz großer Unterschied zwischen einer Selbsthilfegruppe und einer Therapie sei, das Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten eine ganz andere Verantwortung für Patient*innen tragen. "Das heißt, es gibt eine ausgebildete Person, die macht Diagnostik, die setzt dann gezielte therapeutische Methoden ein, auch um ein gemeinsames Ziel zu erreichen", sagt der Arzt. Therapeut*innen achten natürlich auch darauf, ob sich der Zustand von Patient*innen verbessert oder gar verschlechtert.

"Der ganz wesentliche Unterschied ist natürlich Verantwortung. Ich als Arzt oder auch die Psychologen, psychologische Psychotherapeuten, die haben eine Verantwortung für den therapeutischen Prozess."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Betroffene in einer Selbsthilfegruppe sprechen im Idealfall auf Augenhöhe miteinander. Aus seiner täglichen Arbeit mit Patient*innen weiß Bastian Willenborg, dass Gruppen sehr unterschiedlich funktionieren und manchmal einfach nicht passen. Darum rät er, erst einmal bei verschiedenen Angeboten vorbeizuschauen und am Ende regelmäßig in die Gruppe zu gehen, wo man sich am wohlsten gefühlt hat.

"Wenn man rausgeht und hat das Gefühl: 'Mensch, ich habe den Eindruck, die respektieren mich und die versuchen mich zu verstehen'. Das finde ich total gut."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Auf der Seite der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe, kurz: Nakos, sind viele Selbsthilfegruppen aufgelistet. Inzwischen gibt es auch digitale Angebote. Aber der erste Schritt, überhaupt eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, der sei für viele Menschen besonders schwer. Der Arzt Bastian Willenborg empfiehlt, sich da langsam ranzutasten. Einfach mal vorbeischauen und gucken, wie es dort so abläuft. Und wenn es ganz gut war, dann spricht nichts dagegen wiederzukommen.

Erstmal nur zuhören

Der Psychiater sagt: Anders als bei einer Therapie, können Betroffene in einer Selbsthilfegruppe zunächst auch nur zuhören, was die anderen dort so berichten und besprechen: "Da muss man ja nicht gleich seine ganze Lebensgeschichte erzählen, die man vielleicht beim Therapeuten erzählen sollte oder darf."

"Dieses Erleben von Zugehörigkeit, von 'ich bin mit dem Problem nicht alleine', das ist was, was den Menschen wirklich gut tut."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Im besten Fall fühlen sich Betroffene in einer Gruppe wohl, haben das Gefühl, von den anderen respektiert und verstanden zu werden. "Und im Regelfall ist es vielleicht sogar so, dass man sich ein ganz bisschen besser fühlt, dass man entlastet, vielleicht ein bisschen handlungsfähiger ist", so Bastian Willenborg.

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