Psychische Gesundheit und Social MediaVorsicht vor ADHS-Schnelldiagnosen im Netz

ADHS hat in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Zum Glück! So kann Betroffenen geholfen werden. Aber Vorsicht: Vieles, was man online dazu findet, ist irreführend. Ein Psychiater und Psychotherapeut über gute Diagnostik und Therapie.

Die Zahl der ADHS-Diagnosen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, vor allem bei Erwachsenen: zwischen 2015 und 2024 hat sie sich fast verdreifacht. Gibt es mehr ADHS-Betroffene? Nein, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Bastian Willenborg, die Zunahme liegt an der Diagnosestellung: "Vorher hat da niemand geguckt."

Der Grund: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, so der volle Name, ist in den letzten Jahren mehr ins Bewusstsein gerückt. Zum einen wurde mehr dazu geforscht. Zum anderen gibt es auch dank Social Media mehr Aufklärung – insbesondere auf Instagram und TikTok.

ADHS: mehr Diagnosen dank Forschung und Aufklärung

Das hat Vorteile, weil es lange Leidenswege ersparen und Betroffenen auch späte Klarheit bringen kann. Letzteres erlebt Bastian selbst häufiger in seiner Praxis: Menschen, die mit Mitte 40 zum Beispiel erst erfahren, dass sie ADHS haben - und darüber glücklich sind, weil das rückblickend viel erklärt.

Denn: Wer als Erwachsene*r ADHS hat, muss es auch als Kind schon gehabt haben – ob es nun diagnostiziert wurde oder nicht. Die Störung tritt nämlich nicht plötzlich in späteren Lebensjahren auf. Und: ADHS-Symptome können bis ins Erwachsenenalter andauern. Die gute Nachricht: Betroffenen kann man gut helfen.

Diagnostik ist auch eine Genderfrage

Bastian Willenborg geht noch weiter: Zwar wird ADHS heute deutlich mehr diagnostiziert als früher, erklärt er, von Expert*innen wird aber angenommen, dass die Zahlen noch höher liegen, weil es noch immer relativ viele Menschen gibt, die (noch) nicht diagnostiziert sind. Insbesondere betriff das Mädchen und junge Frauen.

"Frauen wurden einfach in der Wissenschaft nicht ausreichend gut berücksichtigt."
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut

Bei ihnen zeigt sich ADHS nämlich häufig anders als bei Jungs – nämlich ohne eine ganz so auffällige Hyperaktivität. Es gibt Mädchen, erklärt Bastian, die aufgrund der ADHS eher verträumt und in ihren eigenen Gedanken wirken und daher nicht negativ auffallen, in der Schule etwa.

Mehr Aufmerksamkeit und Aufklärung kann also gut sein: "Wenn die Selbsttests dazu führen, dass man sich die Frage stellt, 'Könnte ich ADHS haben oder nicht?', und dann aber eine ordentliche Diagnostik macht, dann ist es gut", meint der Psychiater und Psychotherapeut.

Schattenseiten von ADHS-Infos in Sozialen Medien

Aber: "Wenn man glaubt, dass so ein Selbsttest beweist, dass man eine psychische Erkrankung hat, ist das natürlich kompletter Quatsch", so Bastian - auch bei anderen Diagnosen im übrigen, bei Depression etwa.

Es gibt fachlich basierte, gut strukturierte Interviews für die Diagnostik, erklärt er. Solche Fragebögen durchzugehen, dauert dann aber auch mal eine halbe Stunde – nicht nur fünf Minuten nach einer Insta-Video-Anleitung. Auch Bastian macht solche Fragebögen-Interviews mit seinen Patient*innen, wenn ADHS im Raum steht.

Zusätzlich prüft er, ob auch andere Erkrankungen die Ursache für die Symptome sein könnten. Auch Schulzeugnisse gehören für ihn immer zu einer ADHS-Diagnose dazu – Sätze wie "XY ist leicht abzulenken" können ein Hinweis sein, erklärt er. Zudem kann auch sogenannte Fremdanamnese helfen – also zum Beispiel die Eltern der betreffenden Person zu befragen.

Wege zur ADHS-Diagnose

Eine professionelle ADHS-Diagnose kann eigentlich jede*r approbierte*r Psychotherapeut *In und auch jede*r Psychiater*in oder Nervenärzt*in machen, sagt Bastian Willenborg. Er rät zu prüfen, ob Psycholog*innen etwa approbiert sind und eine Psychotherapie-Ausbildung haben und bei Ärzt*innen, dass sie Fachärzt*innen für Psychiatrie , Psychosomatik und Nervenheilkunde sind. Mittlerweile gibt es zudem Anlaufstellen, die auf ADHS spezialisiert sind - Hochschulambulanzen etwa.

"ADHS ist super gut behandelbar."
Bastian Willenborg, Psychiater und Psychotherapeut

Die gute Nachricht: ADHS lässt sich sehr gut behandeln, sagt Bastian Willenborg. Vor allem mit Medikamenten, ergänzt er – und das sagt er als Psychotherapeut, der bei Medikamenten eher zurückhaltend ist. In seiner Praxis kann er selbst beobachten, wie nachhaltig Medikamente betroffenen Patient*innen helfen.