RagebaitWarum geben wir uns Content, der uns aufregt?

Ragebait-Content auf Social Media kann richtig anstrengend sein. Wut und Empörung haben hier aber mehr als eine Funktion: Sie nutzen einerseits den Plattformen. Auf der anderen Seite können uns die Emotionen auch ins Handeln bringen.

Manchmal fühlt sich das widersprüchlich an: Da ist ein Video, das uns nur aufregt und trotzdem bleiben wir daran hängen. Statt wegzuklicken, schauen wir weiter.

"Ich habe ein paar Accounts, bei denen ich eigentlich zuverlässig weiß: Die werden mich wütend machen."
Przemek Żuk, Host von Facts & Feelings

Solche Ragebait-Inhalte pushen die Social-Media-Plattformen auch. Sie setzen auf Beiträge, in denen es um Polarisierung, Skandalisierung, Personalisierung, Lügen und Desinformation geht, sagt Medienwissenschaftler Martin Andree.

Das sei genau das Gegenteil, was sich Nutzer*innen tatsächlich an Content wünschen. "Die wollen positive Inhalte, geprüfte Fakten – balanciert, informativ, teilweise auch bildend. Da merken wir, dass wir unsere Stimme als Nutzer total verloren haben", erklärt er.

"Die Plattformen können mit uns eigentlich machen, was sie wollen, weil wir durch die Monopolisierung quasi abhängig sind."
Martin Andree, Medienwissenschaftler

Was einmal mit dem Teilen von süßen Katzenvideos gestartet ist, hat sich im Laufe der Jahre zu einem Raum entwickelt, in dem immer extremer um Aufmerksamkeit gekämpft wird. Der Medienwissenschaftler sieht in der Beziehung zwischen den Plattformen und User*innen eine gewisse Abhängigkeit. Wer sie nutzen will, sieht das, was die Plattformen nach vorne treiben.

Daraus ergibt sich ein Kreislauf, so Martin Andree, der sich immer weiter bestärkt. Dadurch werden auch die Grenzen zunehmend verschoben, weil es immer extremere Dinge braucht, um aufzufallen.

Das Spiel mit Wut und Empörung

Ragebait-Inhalte setzen gezielt auf Empörung, um eine Reaktion in uns auszulösen. Vielleicht hinterlassen wir dann unter dem Beitrag einen Kommentar, schicken das Video an andere oder klicken auf das nächste. Wir interagieren also mit dem Inhalt – und bleiben auf der Plattform.

Inhalte, in denen es um Emotionen oder Moral geht, bekommen schneller unsere Aufmerksamkeit als welche, die das nicht haben. "Das macht sich Social Media natürlich zunutze. Wenn wir immer nur langweilige Inhalte sehen würden, dann würden wir wahrscheinlich nicht lange auf Social Media bleiben, sondern würden andere Dinge machen", sagt Psychologin Hannah Logemann. Sie forscht an der Uni Duisburg-Essen zur Wirkung der sozialen Medien, insbesondere zu moralischer Empörung, Emotionen und sozialen Gruppenprozessen.

"Es ist nicht immer so, dass wir nur weiterschauen, obwohl es uns aufregt, sondern manchmal schauen wir, gerade weil es uns aufregt."
Hannah Logemann, Psychologin, Universität Duisburg-Essen

Wut hält zudem unsere Aufmerksamkeit länger. Denn: Empfinden wir Wut, wollen wir etwas machen, um die Situation zu verändern, erklärt sie. Das möchten wir besonders, wenn wir etwas als falsch empfinden.

Dann komme es aus psychologischer Sicht zu der Situation, dass

  • wir wütend sind auf die Person, die etwas falsch gemacht hat.
  • Empathie empfinden für die betroffene Person oder Gruppe.

"Das Problem ist, dass Empathie emotional sehr anspruchsvoll sein kann. Wenn wir überlegen, dass wir im Internet mit einer riesigen Menge an emotionalen und moralischen Inhalten konfrontiert werden, wird klar, dass so eine Ressource schnell erschöpft sein würde, wenn wir auf jeden Beitrag zum Beispiel empathisch reagieren würden", sagt die Psychologin. Für Wut und Empörung brauche es vergleichsweise weniger Aufwand.

Funktion von Wut

Zumal Wut auch die Funktion habe, moralische Überlegenheit zu zeigen. In einer Gruppe machen wir damit den anderen deutlich, dass wir Normen einhalten. Wir geben zu verstehen: Wir können zwischen dem, was als richtig und falsch bewertet wird, unterscheiden und wir signalisieren, dass wir vertrauenswürdig sind.

"Wenn wir das auf Social Media übertragen, können sich ganze Bewegungen entwickeln, die dafür sorgen, dass Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt wird, dass Menschen politisch und gesellschaftlich engagiert und interessiert sind", so Hannah Logemann. Wut sei also grundsätzlich nichts Schlechtes.

Was gerade noch erforscht werde, ist, was Ragebait und Empörung auf Social Media langfristig mit uns machen. Eine Zunahme von Hassrede, Beleidigungen und Polarisierung sind zum Beispiel erste Entwicklungen, die sich in den Daten zeigen würden.

Zu viel Ragebait?

Was helfen kann, wenn wir auf Ragebait stoßen: Handy weglegen und sich einen Moment Ruhe geben. Und dann solchen Accounts entfolgen. "Wenn ich merke, dass bestimmte Inhalte besonders viel bei mir auslösen, ist es auch eine super Idee, sich mit den Inhalten außerhalb von Social Media auseinanderzusetzen. Das heißt, zu schauen, ob es Menschen gibt, mit denen ich mich darüber unterhalten kann oder zum Beispiel Gruppen, die sich für die Zwecke einsetzen. Weil genau dann haben wir auch die soziale Funktion, die Empörung eigentlich hat - die geht dann nicht verloren", so die Psychologin.

In der Podcast-Folge geht Psychologin Hannah Logemann noch weiter darauf ein, wann Ragebait zu einem Problem werden kann. Klickt dafür oben auf den Play-Button.