Reaktanz im NetzWarum Gewalt gegen Frauen Männerproteste auslöst

Berichte über Gewalt gegen Frauen lösen im Netz oft Debatten aus. Viele Männer reagieren dabei defensiv oder fühlen sich persönlich angegriffen. Die Psychologie nennt dieses Phänomen Reaktanz. Was dahintersteckt – und was es bei Frauen auslöst.

Wenn in sozialen Netzwerken über Gewalt gegen Frauen diskutiert wird, betonen viele Männer häufig, dass sie selbst nichts damit zu tun hätten. Andere fühlen sich von der Debatte persönlich kritisiert.

Für manche Frauen ist genau das Teil des Problems – auch für Sarah. Sie hat das Gefühl, dass viele Männer Frauen bei diesem Thema nicht ernst nehmen.

"Gerade die Männer, die sagen: 'Ich habe das ja nie gemacht. Warum ist das jetzt so ein großes Ding?', sehen, glaube ich, nicht, dass Männer ihr Verhalten ändern müssen – nicht die Frauen."
Sarah, über Reaktanz im Netz beim Thema "Gewalt gegen Frauen"

Einige Männer hingegen nehmen Aussagen über Gewalt gegen Frauen als Verallgemeinerung wahr. Dazu gehört beispielsweise Julio: "Frauen verallgemeinern in den sozialen Medien. Sie sagen zum Beispiel nicht: 'Die Männer, die so etwas machen', sondern eher allgemein: 'Männer sind so'."

Männer fühlen sich pauschal verurteilt

Aber wie kommt es zu dieser Wahrnehmung? "Auch wenn Berichte über Gewalt gegen Frauen statistische Zusammenhänge beschreiben und nicht einzelne Männer meinen, kann das Gefühl entstehen, selbst gemeint oder pauschal verurteilt zu werden", erklärt der Psychotherapeut Benjamin Wagner. Dieses Spannungsgefühl wird in der Psychologie Reaktanz genannt – ein innerer Widerstand, der entsteht, wenn das eigene Selbstbild infrage gestellt wird.

Hannes beschreibt es als ein Gefühl der Pauschalisierung, gepaart mit der gleichzeitigen Einsicht, dass Gewalt gegen Frauen überwiegend von Männern ausgeht.

"Ich denke, Männer fühlen sich angegriffen, einfach weil sie denken, dass alles auf uns abgewälzt wird. Aber das Problem liegt eben auch zu einem großen Teil bei uns."
Hannes, über Reaktanz im Netz beim Thema "Gewalt gegen Frauen"

Für viele Frauen hat diese Dynamik konkrete Folgen – so auch für Alev: "Ich habe inzwischen schon ein bisschen Vertrauensprobleme."

Die Haltung einiger Männer beschreibt sie so: "Sie reagieren sehr defensiv und nehmen das persönlich. Aber wenn so etwas passiert, sind es eben meistens Männer."

Die männliche Sozialisation

Dieses defensive Gefühl entsteht laut Benjamin Wagner auch durch männliche Sozialisation. "Männer lernen über Jahre oder Jahrzehnte hinweg oft nicht oder nicht ausreichend, ihre eigenen Gefühle differenziert wahrzunehmen, zu benennen und zu verbalisieren", erklärt der Psychotherapeut. "Und sie lernen letztlich auch nicht, sie auszuhalten."

Entscheidend sei am Ende jedoch, wie man mit diesen Gefühlen umgeht und welches Verhalten in solchen Situationen angemessen ist. Benjamin Wagner empfiehlt daher: richtiges Zuhören lernen.

"Kein taktisches Zuhören, bei dem man sich im Kopf schon Gegenargumente oder Scheinargumente zurechtlegt, sondern Zuhören, das aushält, was das Gegenüber sagt, und sich darauf einlässt – ohne sofort in die Lösungsfindung zu gehen."
Benjamin Wagner, Psychotherapeut

Gerade dieser Moment zwischen Abwehr und Zuhören entscheidet laut Wagner darüber, ob Gespräche über Gewalt gegen Frauen festfahren – oder möglich bleiben.