Weimarer RepublikParlamentarische Demokratie oder Räterepublik

Ende 1918 entscheiden mehr als 500 Politiker über das parlamentarische System der Weimarer Republik – und gestalten so die Zukunft der jungen Nation.

Der Reichsrätekongress fand zwischen dem 16. und 21. Dezember 1918 im Preußischen Landtag in Berlin statt. Mehr als 500 Delegierte diskutierten sechs Tage über die Zukunft der jungen Weimarer Republik: Sollte der neue Staat eine parlamentarische Demokratie oder eine Räterepublik nach russischen Vorbild werden? Die meisten Delegierten kamen aus dem Umfeld der SPD, die aber in sich zerstritten war.

Dem Gewissen verpflichtet, dem Wähler verpflichtet

Auf der einen Seite standen die "Mehrheits-Sozialdemokraten", die für eine parlamentarische Demokratie mit einer verfassungsgebenden Nationalversammlung plädierten. Die Delegierten der "Unabhängigen Sozialdemokraten", die sich im April 1917 von der SPD abgespalten hatten, plädierten für ein Rätesystem mit direkter Demokratie.

Während in einer parlamentarischen Demokratie Abgeordnete gewählt werden, die nur ihrem Gewissen verpflichtet sind und Entscheidungen treffen können, die nicht dem Wunsch ihrer Wähler entsprechen müssen, sind in einer Räterepublik die Delegierten an das Mandat der Wähler gebunden. Sie müssen so abstimmen, wie es ihre Wähler wollen.

Ein halbes Jahr später stand die Verfassung

Der Kongress entschied sich für eine parlamentarische Demokratie - eine entscheidende Weichenstellung für die Weimarer Republik. Wenige Wochen später nahm die Weimarer Nationalversammlung ihre Arbeit auf. Die Verfassung, die im Juni 1919 verabschiedet wurde, war an die Verfassung der deutschen Revolution von 1848/49 angelehnt. Die Forderungen, die beim Reichsrätekongress keine Mehrheit gefunden hatten, fanden auch in der Verfassung des neuen Staates keine Berücksichtigung.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Ralf Hoffrogge, Historiker der Bochumer Ruhr-Universität, erläutert die wichtigsten Streitpunkte des Reichsrätekongresses.
  • Sabine Kuder von der Bundesstiftung "Aufarbeitung der SED-Diktatur" hat sich mit den Delegierten des Kongresses wissenschaftlich beschäftigt und schildert die Entscheidungsprozesse während der sechs Verhandlungstage.
  • Meik Woyke, Historiker der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, schildert den Spagat der SPD zwischen Revolution und Erhalt der staatlichen Ordnung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld schildert die politischen Schwierigkeiten, in denen die junge Weimarer Republik Ende 1918 steckte.
  • Felix Schledde lässt die Debatten zwischen gemäßigten "Mehrheitssozialdemokraten" und weiter links stehenden "unabhängigen Sozialdemokraten" wieder aufleben.