Sanktion per KlickWenn die USA den Stecker ziehen
US-Tech ist überall – beim Bezahlen, Buchen und Arbeiten. Der Fall eines französischen Richters zeigt, wie konkret unsere digitale Abhängigkeit ist. Marcus und Bo fragen: Was passiert, wenn die USA den Stecker ziehen?
Nicolas Guillou ist Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Er war an Haftbefehlen gegen Israels Premier Benjamin Netanjahu und den früheren Verteidigungsminister Yoav Gallant beteiligt – daraufhin wurde er von den USA sanktioniert.
Was abstrakt nach Diplomatie und Weltpolitik klingt, hat für ihn sehr konkrete Folgen: US-Unternehmen müssen sich an das US-Sanktionsrecht halten. Für Guillou bedeutet das, dass Konten geschlossen, Buchungen storniert und Zahlungen blockiert werden.
"Die meisten der Giganten, die wir täglich in Europa nutzen, sind amerikanisch."
Der Fall zeigt ein Problem, das weit über einen einzelnen Richter hinausgeht: Europas digitale Infrastruktur hängt an vielen Stellen von US-Unternehmen ab – beim Bezahlen, Buchen, bei Software, Clouds und Plattformen.
Digitale Abhängigkeit nicht nur ein Tech-Thema
Viele Dienste, die unseren Alltag bequem machen, sind amerikanisch geprägt: Zahlungsnetzwerke wie Visa und Mastercard, Plattformen wie Amazon, Airbnb oder Paypal, aber auch Software- und Cloudlösungen von Microsoft, Google oder Amazon Web Services.
Folgen der Abhängigkeit
Das Problem daran: Diese Dienste sind nicht einfach nur Apps. Sie sind Teil unserer Infrastruktur geworden – und Infrastruktur fällt oft erst dann auf, wenn sie nicht mehr funktioniert. Für Unternehmen, Behörden, Schulen oder Kliniken kann diese Abhängigkeit besonders gravierende Folgen haben. Wer auf bestimmte Software, Lizenzen, Updates oder Cloudsysteme angewiesen ist, kann kaum selbst bestimmen, wie teuer, sicher oder verfügbar diese Infrastruktur langfristig ist.
Schleswig-Holstein versucht deshalb, in der Verwaltung unabhängiger von großen US-Softwarekonzernen zu werden. Der Weg dahin: Open Source – also Software, deren Quellcode offen einsehbar ist und die angepasst, geprüft und weiterentwickelt werden kann.
"Wir haben festgestellt, dass wir durch unsere IT-Abhängigkeiten einer wirtschaftlichen Abhängigkeit ausgesetzt sind – mit steigenden Lizenzgebühren, die wir überhaupt nicht beeinflussen können."
Das bedeutet nicht, dass alles kostenlos oder sofort einfacher wird. Auch Open-Source-Systeme müssen betrieben, gewartet und abgesichert werden. Die Idee dahinter ist jedoch: Die Verwaltung soll nicht vollständig davon abhängig sein, was ein einzelner Konzern vorgibt.
"Wir haben Teams noch nie eingesetzt. Ich nehme ein großes Verständnis dafür wahr, dass wir digitale Souveränität schaffen und Herr über die Daten unserer Bürgerinnen und Bürger sein müssen."
Digitale Souveränität heißt hier also nicht nur, europäische Anbieter zu kaufen – sondern Kontrolle zurückzugewinnen: über Daten, Prozesse, Schnittstellen und die eigene IT.
Bezahlen ohne US-Umweg
Besonders deutlich wird die Abhängigkeit beim Bezahlen: Wenn Karten, Zahlungsdienste oder Plattformen ausfallen oder blockiert werden, ist der Alltag schnell betroffen.
Europäische Alternativen
Deshalb entstehen in Europa Alternativen. Echtzeitüberweisungen sollen Zahlungen von Konto zu Konto schneller und alltagstauglicher machen. Wero soll als europäische Zahlungslösung stärker gegen PayPal, Kartenanbieter und Big-Tech-Wallets antreten. Und der digitale Euro könnte langfristig eine Art digitales Bargeld werden.
Klar ist aber auch: Eine Alternative setzt sich nicht allein deshalb durch, dass sie europäisch ist. Sie muss bequem sein, überall funktionieren und von Banken, Händlern sowie Nutzern wirklich angenommen werden.