BrüderlichkeitWir und die Anderen

Ein muslimisches Möbelgeschäft, neben einem türkischen Tabakladen und einem jüdischen Schneider. Der Pariser Vorort Sarcelles galt lange als Symbol für den Traum eines republikanischen Integrationskonzeptes á la francaise. Bis zum Sommer 2014, als jugendliche Randalierer bei einer Demonstration jüdische Geschäfte anzündeten.

15.000 Juden leben in Sarcelles, das ist etwa ein Drittel der Bevölkerung. Viele von ihnen leben im jüdischen Viertel rund um die Avenue Paul Valéry, auch Le Petite Jérusalem genannt. Hier gab es im Juli 2014 einige der schlimmsten antisemitischen Ausschreitungen in Frankreich. Jüdische Geschäfte werden zerstört, eine Apotheke und ein jüdischer Supermarkt brennen vollständig aus. Dabei galt Sarcelles lange als Vorzeigestädtchen, als Ort gelebter Brüderlichkeit:

"Als ich hier Anfang der 60er ankam, war das eine komplett andere Stadt. Alle Nationen haben hier in Frieden miteinander gelebt, nicht nebeneinander. Sarcelles war weltoffener als Paris!"
Dr. André Nahum (92) erkennt sein Sarcelles kaum wieder

Was ist passiert in Sarcelles? Warum ist plötzlich alles anders? Oder hat sich vielleicht gar nicht so viel geändert? DRadio Wissen Autorin Hanna Ender will vor Ort Antworten auf diese Fragen finden und trifft dabei auf André Nahum, einen Juden tunesischer Herkunft. Der heute 92-Jährige hat als Arzt in Sarcelles gearbeitet - fast jeder, der dort wohnt, lag schon auf seinem Behandlungstisch. Dr. Nahum glaubt, dass die Regierung schuld ist, dass das Gleichgewicht in Sarcelles aus den Fugen geraten ist:

"Die Regierung hat irgendwann nicht mehr auf das soziale Gleichgewicht der Stadt geachtet und alle hierher verfrachtet, die woanders keinen Platz hatten. Diese neuen Immigranten brachten soziale Probleme mit sich und waren nicht mehr bereit, sich zu integrieren."
Seit über 60 Jahren lebt Dr. André Nahum in Sarcelle

Probleme? Welche Probleme?

Aber ist es wirklich das? Ein Integrationsproblem? Fakt ist: es hat sich etwas geändert in Sarcelles seit dem 20. Juli 2014. Der Tag, an dem über hundert jüdische Einwohner ihre Synagoge gegen die Randalierer verteidigt haben - zum Teil bewaffnet mit Eisenstangen. Auch David Haïk war einer von ihnen. Seit 50 Jahren lebt er in Sarcelles. Die Unruhen sagt er, haben etwas kaputt gemacht bei den jüdischen Bewohnern. Das Gefühl, dort zu Hause zu sein.

"Heute haben viele Juden Angst in Sarcelles. Wir sehen Hakenkreuze an den Hauswänden von jüdischen Wohnungen. Und viele fragen sich: Haben wir noch eine Zukunft in Frankreich?"
David Haïk (65) über die Auswirkungen der Krawalle vom 20. Juli 2014

Andere Bewohner der Stadt wollen von Problemen nichts wissen. Sie sagen, die Randalierer kamen von Außerhalb. Einige wenige Extremisten, die die Bevölkerung entzweien wollen. Probleme in Sarcelles? Nein, Probleme gäbe es hier nicht. Alles sei friedlich. Wirklich. DRadio Wissen Reporterin Hanna Ender aber traut dem Frieden nicht. Zu widersprüchlich sind die Aussagen der Menschen mit denen sie spricht. Und zu vielfältig die Gründe, warum nicht erst seit den Ausschreitungen im Juli 2014 die Welt in Sarcelles alles andere als in Ordnung ist.

"Die Probleme haben angefangen, als sich einzelne Gruppen in Sarcelles immer mehr abgekapselt haben. Irgendwann haben die Juden auf einmal angefangen, ihre Kinder nur noch auf jüdische Privat-Schulen zu schicken. Sie haben sich in ihre eigenen Apartment-Komplexe zurückgezogen, in ihren eigenen Läden eingekauft. Und die anderen Gruppen haben dann genauso dasselbe getan, sich immer mehr abgekapselt. Das war wie ein Domino-Effekt."
Hocine Radjaï hat die Demonstration im Juli zunächst organisiert, dann aber abgesagt