ShoahWas KZ-Überlebende nach Kriegsende 1946 erzählten
Der Psychologe David P. Boder reist kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Europa, um Interviews mit Überlebenden der deutschen Vernichtungslager zu führen. Die Historikerin Franka Maubach hat sich die 80 Jahre alten Aufnahmen angehört.
"Was ist Ihnen und Ihrer Familie passiert, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges?" Das ist meistens die erste Frage, die der lettisch-US-amerikanische Psychologe David P. Boder seinen Interviewpartnern stellt, im Sommer 1946. Seine Gesprächspartner sind Displaced Persons (DPs): Menschen, die wenige Monate zuvor noch in Konzentrationslagern leben mussten, Verfolgte und Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns.
"Manchmal erschrak Boder hörbar vor dem, was die Überlebenden erzählten."
Boder reist nach Frankreich, in die Schweiz, nach Italien und Deutschland. Im Gepäck hat er einen sogenannten Drahttonrekorder, damals der letzte Schrei in Sachen Aufnahmetechnik. Der Rekorder zeichnet Gespräche auf Draht auf, dieser Draht wird auf Spulen aufgerollt transportiert – eine ziemliche Schlepperei. Als er Europa wieder verlässt, bringt er auf 200 Spulen rund 130 Interviews mit Displaced Persons zurück in die USA.
Die Aufnahmetechnik setzt sich nicht durch. Wie wir heute wissen, wurde sie durch die Aufnahme auf Tonband ersetzt. Aber Boders Aufnahmen sind bis heute ein wichtiges Zeitdokument.
"Das ist ein einzigartiger Bestand!"
Boder ist nicht der einzige, der Gespräche mit Überlebenden führt – aber der einzige, der sie im Originalton aufzeichnet. Die Historikerin Maubach sagt: "Das ist wirklich ein einzigartiger Bestand!" Allerdings: Boder ist kein guter und auch kein einfühlsamer Interviewer. Maubach beschreibt ihn als recht ungeduldig – vielleicht, vermutet sie, weil die Spulen nur eine begrenzte Aufnahmekapazität boten. Er unterbricht seine Gegenüber mitunter brüsk und hört nicht immer gut zu.
"Als Psychologe und Sprachwissenschaftler wollte er herausfinden, wie – in welcher Sprache, mit welcher Stimme – sie schilderten, was ihnen zugestoßen war."
Boder selbst konnte die Gespräche auf Polnisch, Russisch, Jiddisch, Lettisch, Deutsch oder Englisch führen. Er war davon überzeugt, dass in Stimme, Sprache und Wortwahl der Überlebenden Gefühle und Erfahrungen abgespeichert waren. Er wollte die "Wahrhaftigkeit des Mündlichen" festhalten. Also auch: Welche Sprache die Interviewten wählen, welche Worte sie wie betonen oder auch, in welchen Fällen sie die Sprache wechseln.
Erzählungen vom nahen Tod
Franka Maubach stellt in ihrem Vortrag Passagen vor, in denen Boders Vorverständnis der Ereignisse zu Irritationen bei den Befragten führt. Was sie ihm berichten, über die erlebte Entmenschlichung, über das Überleben in unmenschlichen Umständen, führt bei ihm immer wieder zu Nachfragen. Maubach bezeichnet diese erlebte Entmenschlichung als "Dekulturation".
Sie zitiert den italienischen Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Herkömmliche Sprache reicht nicht aus, schreibt Levi, um die Leiden der Lagerinsassen zu beschreiben. Begriffe wie Hunger, Durst, Kälte, Angst, Winter beschreiben im "Bewusstsein des nahenden Endes" nur vage, was sie durchlitten haben.
"Hätten die Lager länger bestanden, wäre eine neue harte Sprache geboren worden."
Franka Maubach hat ihren Vortrag am 25. Mai 2025 an der Universität Hamburg gehalten, unter dem Titel "Displaced. Über Lebenswege nach dem Holocaust". Sie vertritt die Professur für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die Interviews mit Überlebenden, die David P. Boder 1946 geführt hat, findet ihr hier digitalisiert und transkribiert.
Info: Unser Bild oben zeigt ein historisches Foto des lettisch-US-amerikanischen Psychologen David P. Boder.