SingenWann trauen wir uns endlich?
Malin dachte lange, sie könne nicht singen. Nun will sie mit Ende zwanzig Musicaldarstellerin werden. Eine Geschichte, die Mut macht, aufgeschobene Pläne anzugehen. Zumal die Wissenschaft zeigt: Singen tut gut – emotional, psychisch und körperlich.
Spaß am Singen hatte Malin eigentlich schon immer. "Als ich klein war, habe ich im Kirchenchor bei einem Musical mitgemacht und hatte sogar eine Hauptrolle", erinnert sich die heute 27-Jährige. Trotzdem fand sie ihre Stimme nicht besonders schön.
Wenn negative Glaubenssätze unsere Stimme killen
Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihr ein Satz ihrer besten Freundin. Die sagte einmal zu ihr: "Wenn du singst, klingst du wie eine kaputte Spieluhr."
"Ich hatte Sorge, dass ich Leute mit meiner Stimme nerve."
Vor zwei Jahren nahm Malins Leben dann einen Twist. Naja, eigentlich stieß sie ihn selbst an. "Ich habe zu der Zeit mit einem Coach zusammengearbeitet, um herauszufinden, was ich mit meinem Leben machen will", erzählt sie. Je mehr sie sich mit dieser Frage beschäftigte, desto klarer wurde ihr, dass sie singen und tanzen wollte. Am liebsten als Musicaldarstellerin.
Gleichzeitig hielt sich die alte Überzeugung hartnäckig: "Singen geht nicht, weil meine Stimme nicht dafür gemacht ist", erinnert sich Malin. Ihre Stimme kam ihr zu tief vor. Ihr Coach gab ihr daraufhin einen einzigen Tipp: "Lass dir deine Annahme von jemandem, der Ahnung hat, bestätigen."
Eigene Überzeugung auf den Prüfstand stellen
Genau das machte Malin dann. Sie ging zum Gesangsunterricht, um sich bestätigen zu lassen, dass sie nicht gut genug singen konnte. Während des Gesangsunterrichts passierte es dann. "Ich merkte, singen macht mir Spaß", erzählt sie. Auch ihr Gesangslehrer sah kein Problem mit ihrer Stimme. Sie müsse einfach nur üben.
"In dieser ersten Gesangsstunde waren plötzlich Sachen möglich, die vorher überhaupt nicht möglich waren. Das hat mich total angespornt, mit dem Singen weiterzumachen."
Musikpsychologe: Jeder Mensch kann singen
Die Sorge, zu wenig Gesangspotenzial zu haben, begegnet Gunter Kreutz, Musikpsychologe an der Uni Oldenburg, häufig. Diesem Glaubenssatz kann er nur eines entgegnen: "Das ist Quatsch."
Seine Aussage kann er wissenschaftlich untermauern: "Studien zeigen, dass unter denen, die meinen, nicht singen zu können, sehr viele sind, die sich täuschen." Die allermeisten könnten sehr wohl singen oder es lernen.
"Unsere Leistungsgesellschaft meint, alles bemessen zu müssen. Ich glaube, dass es sehr viel hindert zu singen. Dabei kann fast jeder Mensch singen."
Vor allem, wenn wir schon früh dafür beurteilt werden, wie wir singen, könne sich das förmlich in unser Gehirn einbrennen – und uns die Motivation nehmen, sagt Gunter Kreutz. Deshalb ermutigt er Menschen, es bewusst einfach mal mit dem Singen zu versuchen.
Positive Effekte des Singens wissenschaftlich belegt
Alle, die mit dem Gedanken spielen, es mit dem Singen zu versuchen, ermuntert der Musikpsychologe: Sich aufzuraffen, lohne sich. "Nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zum Chor zu gehen, kann uns neue Energie geben. Denn beim Singen bekommen wir den Kopf frei", sagt er.
Singen tut aber nicht nur der guten Laune gut, sondern wirkt sich auch langfristig positiv auf unseren Körper aus, erklärt der Musikpsychologe. "Singen ist gut für die Lungenfunktion und hilft uns bei der Atmung. Und die hilft uns wiederum, uns zu regulieren, also mit Stress besser umzugehen."
"Gemeinsam singen ist für mich ein Gesamtpaket. Das halte ich für unschlagbar."
Hinzukommt beim Singen im Chor, dass wir mit anderen Menschen eine gute Zeit verbringen. Im Nachhinein können wir uns an dieses schöne Erlebnis oder an die Lieder erinnern, die wir geübt haben, sie vielleicht vor uns hinsummen und uns darüber freuen.
Malin scheint ein lebendiges Beispiel für all diese positiven Effekte zu sein. "Der Gesangsunterricht damals hat mein Leben wirklich auf den Kopf gestellt. Seitdem ist mein Leben so viel besser als vorher."
Schon nach drei Monaten Gesangsunterricht ging sie zum ersten Vorsingen für ein Hobbymusical. "Beim Vorsingen hat meine Stimme so gezittert. Ich habe überhaupt nichts rausbekommen. Das war total schrecklich." Doch Malin ließ sich davon nicht entmutigen. Im Gegenteil: "Jedes Mal, wenn ich mich neu bewerbe, weiß ich: Ich habe weitergeübt und bin jetzt besser als letztes Mal", sagt sie.
Singen lernen, Fehler machen, weitermachen
Nina Melikhov ist Sängerin und Gesangslehrerin. Sie beschreibt etwas, das gut zu Malins Entwicklung passt. Wir müssten nicht perfekt singen.
"Es kommt auf den Prozess an und dass wir uns erlauben, viel dazuzulernen. Genau das gibt uns das Selbstbewusstsein, was wir alle haben wollen."
Das Wichtigste beim Singen ist für Melikhov zunächst, dass man Spaß daran hat. Das sei die beste Voraussetzung, um die Technik zu lernen. Doch darauf, dass jeder Ton sitzt, komme es nicht allein an. "Wichtiger als das ist es, ins Gefühl zu gehen."
Doch auch das erlauben sich viele Menschen nicht, beobachtet Melikhov – aus Angst, komisch zu klingen. Um ihnen diese Scham zu nehmen, versucht die Gesangslehrerin zunächst, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich ihre Gesangsschüler*innen sicher fühlen. "Manchmal ist es wichtig, dass die Person erst einmal die Erfahrung macht, dass sie, egal, welchen Ton sie macht, nicht ausgelacht wird."
Zumal es beim Singen einfach dazugehört, einen Ton nicht zu treffen, betont Nina Melikhov. Das passiere allen – auch ihr.
"Wenn ich einen Ton live versemmele, fühle ich mich deswegen nicht schlecht. Wir sind Menschen, wir dürfen Fehler machen."
Malin, die jahrelang glaubte, sie habe keine Gesangsstimme, steht inzwischen regelmäßig auf Bühnen. Sie ist Mitglied in einem Musicalverein und singt gemeinsam mit ihren Arbeitskolleg*innen in einer Band.
Ihre beste Freundin hat sich inzwischen indirekt für ihren damaligen Spruch entschuldigt: "Malin, du hörst dich nicht mehr an wie eine kaputte Spieluhr." Doch zum Glück hatte Malin diesen Glaubenssatz zu dem Zeitpunkt für sich schon längst in die Tonne gehauen.