Tabuthema InkontinenzZwischen Scham und Alltag

Bei Blasenschwäche denken wir häufig an ältere Menschen, die betroffen sind. Doch auch viele Jüngere leiden darunter. Die psychosozialen Folgen können enorm sein. Dabei ist Inkontinenz oft heilbar oder kann zumindest gelindert werden.

Es tropft ständig in die Unterhose – und das regelmäßig. Wer seinen Urin nicht mehr halten kann, leidet unter Harninkontinenz. Schätzungsweise zehn Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen. Und trotzdem ist Blasenschwäche ein großes gesellschaftliches Tabu.

Zu den Betroffenen gehören auch Jüngere – darunter mehr Frauen als Männer. Sie leiden jedoch anders als ältere Menschen unter Inkontinenz, sagt die Ärztin Desiree Dräger von der Urologie der Universität Rostock.

Angst vor peinlichen Situationen

"Ein junger Mensch will spontan sein, Sport treiben, ausgehen, Beziehungen haben, beruflich durchstarten – und plötzlich wird die Blase zum Mitbestimmer. Das heißt: Wo ist die nächste Toilette? Was ziehe ich an? Kann ich mit zum Festival? Was passiert beim Sex?", sagt die Urologin. Man sei ständig in dieser Alarmbereitschaft, und das belaste stark.

"Viele haben Scham und auch das Gefühl, der Körper hält sie von dem ab, was ihre Freunde machen."
Desiree Dräger, Oberärztin an der Urologie der Uni Rostock

Deshalb nehmen viele jüngere Betroffene der Urologin zufolge weniger am normalen Leben teil: "Sie kommen nicht mit zum Konzert, sie kommen nicht mit zum Festival. Lange Fahrten werden vermieden, und auch intime Beziehungen werden reduziert. Auch die Sexualität leidet extrem darunter."

Verschiedene Arten von Inkontinenz

Die Urologin betont: Es gibt nicht die eine Form von Inkontinenz, sondern mindestens zwei große Gruppen. Zum einen gibt es die Belastungsinkontinenz. Das bedeutet, dass Urin beim Husten, Niesen oder auch beim Sport verloren wird. "Schwangerschaften und Geburten sind dabei ein Thema, weil der Beckenboden belastet wurde oder wird. Aber auch eine allgemeine Bindegewebsschwäche kann ein Problem sein", erklärt Desiree Dräger.

Man muss also nicht schwanger gewesen sein, um eine Belastungsinkontinenz zu entwickeln.
"Auch das Körpergewicht, chronischer Husten und sehr belastungsintensive Sportarten können zu einer Belastungsinkontinenz führen."
Desiree Dräger, Oberärztin an der Urologie der Uni Rostock

In anderen Fällen spricht man wiederum eher von einer Dranginkontinenz. "Das heißt, die Blase ist ein kleines Sensibelchen und lässt auch bei geringen Füllmengen gerne einmal Urin ab", so die Urologin. "Man hat plötzlich einen sehr starken Harndrang, und dafür kann es verschiedenste Ursachen geben: eine überaktive Blase, eine Harnwegsinfektion zum Beispiel, oder auch neurologische und Stoffwechselerkrankungen."

"Inkontinenz ist keine persönliche Schwäche"

Laut Desiree Dräger gibt es aber auch Mischformen dieser beiden Gruppen. "Wichtig ist, dass Inkontinenz keine persönliche Schwäche darstellt, sondern tatsächlich ein medizinisches Symptom ist, das man abklären sollte und das auch behandelt werden kann", sagt die Urologin.

Ursachen von Blasenschwäche herausfinden

Die Urologin rät deshalb allen Betroffenen dazu, sich medizinische Hilfe zu suchen: "Es ist nicht beschämend, mit einer Fachperson darüber zu sprechen, dass man ungewollt Urin verliert. Das kommt häufiger vor, als man denkt – man ist damit nicht allein." Entscheidend sei eine gründliche Diagnostik: "Die Diagnostik ist manchmal auch belastend, aber sie ist wichtig, damit wir die Ursache verstehen."

Individuelle Behandlungsmöglichkeiten

Anschließend gibt es verschiedene Möglichkeiten der Behandlung, erklärt Desiree Dräger: "Man darf nicht denken, dass es nur einen Weg gibt, sondern es gibt für jeden Patienten und jede Patientin einen individuellen Weg, den man aber herausfinden muss." Dazu können beispielsweise Beckenboden- oder Blasentraining, ein Ernährungsplan, bestimmte Medikamente oder möglicherweise auch ein operativer Eingriff gehören.