Tut mir echt leidWie geht gutes Entschuldigen?

Wenn Jette Leute im Job ungerecht behandelt, ist für sie klar: Eine Entschuldigung ist fällig. Dieser Schritt kostet sie jedoch viel Überwindung. Warum uns Entschuldigen manchmal schwerfällt – und wie wir es richtig machen, sodass es allen guttut.

Jette arbeitet in der Filmbranche und kennt solche Situationen: Im Affekt nicht nett zu Kolleginnen und Kollegen zu sein oder sie sogar unnötig anzumaulen. So etwas ist ihr erst vor Kurzem passiert – und das tat ihr im Nachhinein sehr leid, erzählt sie: "Das hat mich die nächsten drei, vier Tage so sehr belastet, dass ich mir gesagt habe: 'Ich muss das noch einmal ansprechen, ich muss mich noch einmal entschuldigen.'"

Wenn eine Entschuldigung Mut kostet

Besonders geärgert hat sie die Situation, weil Jette eigentlich versucht, freundlich auf andere zuzugehen: "Auch wenn jemand schon blöd auf mich zukommt, versuche ich immer, den Wind aus den Segeln zu nehmen."

"Ich habe mich extrem dafür geschämt, dass ich so aufbrausend gewesen bin."
Jette, übt sich zu entschuldigen

Grundsätzlich bevorzugt Jette die direkte Art, sich zu entschuldigen. Ihre Worte waren: "Wir hatten da vor ein paar Tagen so eine blöde Situation und ich wollte mich dafür entschuldigen, weil das nicht angemessen war."

Wie will ich von anderen wahrgenommen werden?

Im Nachhinein hat die Person, bei der sich Jette entschuldigt hat, die Situation offenbar gar nicht als so schlimm empfunden, erzählt sie. "Ich habe mich wahrscheinlich einfach komplett hineingesteigert, aber es war mir trotzdem extrem wichtig, mich dafür zu entschuldigen. Ich wollte nicht, dass sie von mir denkt, dass ich so eine Art Mensch bin, die so mit anderen umgeht."

Danach war Jette erleichtert, dass sie den Mut aufgebracht hatte, sich zu entschuldigen – und dass die Sache damit aus der Welt geschafft war.

(Einige) Frauen entschuldigen sich häufiger als Männer

Fachleute sehen bei diesem Thema eine geschlechtsspezifische Sozialisation. "Von Mädchen werden eher Freundlichkeit, Höflichkeit und Fürsorglichkeit erwartet. Wenn eine solche Sozialisation stattgefunden hat, erkennen Frauen auch eher, dass es Situationen gibt, in denen man sich entschuldigen sollte", erklärt die Sozialpsychologin Sabine Sczesny. Sie forscht zu Geschlechterstereotypen und sagt, dass diese Erwartungen es Frauen nicht unbedingt leicht machen, aus solchen Mustern auszubrechen.

"Wenn sich Frauen eher nicht entschuldigen, kann das dazu führen, dass sie negativ wahrgenommen werden, weil sie nicht den Erwartungen entsprechen."
Sabine Sczesny, Sozialpsychologin

Eine Frau, die sich nicht entschuldigt, werde oft negativ wahrgenommen, erklärt die Sozialpsychologin. Denn sie entspreche damit nicht den gesellschaftlichen Erwartungen. "Was man weiß, ist, dass Personen, die von Erwartungen abweichen, auch negativ bewertet oder sogar für ihr abweichendes Verhalten bestraft werden."

Höherer Status, weniger Entschuldigungen

Allerdings gibt es der Sozialpsychologin zufolge auch Situationen, in denen Frauen mächtiger oder selbstbewusster wahrgenommen werden, wenn sie sich nicht so häufig entschuldigen, wie es von ihnen erwartet wird. Generell gilt: Je höher der Status einer Person, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie sich entschuldigt, sagt Sabine Sczesny. Das erkläre teilweise, warum sich Männer seltener entschuldigen. Sie stünden gesellschaftlich stärker unter Druck, einen hohen Status zu erreichen.

Hinzu komme, dass Männer häufig gar nicht erkennen, wann eine Entschuldigung angebracht wäre.
"Aufgrund der Sozialisation nehmen Männer in vielen Situationen erstmal gar nicht wahr, dass eine Entschuldigung helfen könnte, eine Situation zu lösen."
Sabine Sczesny, Sozialpsychologin

Dabei sind Entschuldigungen eine gute Möglichkeit, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, findet Sabine Sczesny. "Und das ist natürlich schade, wenn Männer aufgrund des Männerbilds dieses Verhalten gar nicht so auf dem Radar haben und es auch nicht für sich nutzen."

Wenn Entschuldigungen schwerfallen

Jette hat für sich erkannt, dass ihr Entschuldigungen im Arbeitsumfeld nicht so schwerfallen. "Bei Arbeitskollegen oder auch beim Chef – Leute, die unter mir stehen oder über mir – das ist relativ egal. Aber ich entschuldige mich teilweise auch vielleicht zu viel oder zu früh." In der Familie oder gegenüber Freunden fällt es ihr dagegen deutlich schwerer, sich zu entschuldigen.

Speziell in ihrer Familie gebe es ein bestimmtes Muster: "In der Familie ist es so, dass man das totschweigt. Dann tut man einfach so, als wäre es nicht passiert. Daran versuche ich aber tatsächlich in den letzten ein, zwei Jahren mehr zu arbeiten."

Fehlverhalten anerkennen

Ein Grund, warum uns Entschuldigungen schwerfallen können, ist, dass wir ein Fehlverhalten eingestehen müssen, erklärt die Psychotherapeutin Denise Ginzburg-Marku. Das könne auch Gefühle wie Scham oder Angst vor Ausgrenzung auslösen.

"Wir haben vielleicht Angst, dass wir noch mehr kritisiert werden oder schwach wirken können. Und das sind alles Dinge, die es schwer machen können, eine echte, gute Entschuldigung auszusprechen."
Denise Ginzburg-Marku, psychologische Psychotherapeutin

Es gibt aber Wege, sich zu überwinden. Denise Ginzburg-Marku rät dazu, die eigene Haltung zu hinterfragen. "Eine Entschuldigung bedeutet ja nicht, dass ich der Böse bin und etwas ganz falsch gemacht habe, sondern letztlich, dass ich anerkennen kann, dass ich jemandem – bewusst oder unbewusst – auf den Schlips getreten bin und Verantwortung dafür übernehmen kann."

Sich in die andere Person hineinversetzen

Hilfreich sei es auch, sich in die andere Person hineinzuversetzen. "Ich kann sagen: 'Für dich muss das echt unangenehm gewesen sein.' Und ich finde, dann kann es einem sehr leicht fallen, auch zu sagen: ‚Das tut mir leid.‘ Vor allem, wenn mir die Person wichtig ist."

Sich richtig entschuldigen

Die Psychotherapeutin hält es allerdings für wichtig, dass wir uns Zeit für eine gute Entschuldigung nehmen. Dazu gehören mehrere Schritte:

  1. Eine gute Entschuldigung fängt damit an, dass wir konkret benennen, wofür wir uns entschuldigen wollen. Ein Beispiel: "Es tut mir leid, dass ich dich nicht zurückgerufen habe."
  2. Im nächsten Schritt könnten wir sagen: "Ich kann mir vorstellen, dass du dich geärgert hast und auch enttäuscht warst, weil du gewartet hast."
  3. Dann sollten wir Verantwortung für unser Verhalten übernehmen: "Das war nicht richtig von mir", "Das war doof von mir" oder "Das war nicht okay."
  4. Als Nächstes folgt das Bedauern: "Ich bedauere das. Es tut mir wirklich leid."
  5. Schön wäre zum Schluss eine ehrlich gemeinte Zusicherung: "In Zukunft werde ich mehr darauf achten, dass ich Zusagen nur mache, wenn ich dafür auch den Raum habe."

Was wir eher nicht sagen sollten: "Es tut mir leid, aber …", sagt Denise Ginzburg-Marku, weil es Entschuldigungen immer ein Stück weit relativiert.

Woher kommt der Rechtfertigungsdruck?

Das "Aber" rutscht uns schon mal heraus, weil wir dazu neigen, uns rechtfertigen zu wollen, erklärt die Psychotherapeutin: "Wir alle haben auch ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit in uns, sodass wir sagen wollen: 'Ich würde das gerne in den Kontext setzen und dir erklären, wie es dazu kam.'" Das hält Denise Ginzburg-Marku nicht grundsätzlich für falsch, es sei bei einer Entschuldigung jedoch oft zu früh – vor allem dann, wenn eine Person verletzt ist.