UnterwandertWie Deutschland ausspioniert wird
Gerade sind zwei mutmaßliche Wissenschaftsspione festgenommen worden. Und das ist kein Einzelfall in Deutschland. Wie schützen sich Hochschulen vor Spionage und wie sehr ist Deutschland eigentlich gefährdet?
"Wollen Sie nicht mal einen Vortrag bei uns in China halten?" Mit solchen vermeintlich banalen Anfragen sollen zwei mutmaßliche chinesische Spione versucht haben, an Informationen deutscher Hochschulen zu kommen. Laut Bundesanwaltschaft sollen sich die beiden unter anderem als Dolmetscher oder Mitarbeitende eines Automobilkonzerns ausgegeben haben. Ihr Ziel: Forschende nach China locken. Dort hätten sie Vorträge halten sollen – allerdings offenbar nicht vor zivilem Publikum, sondern vor Beschäftigten eines chinesischen staatlichen Rüstungskonzerns.
Auch die RWTH Aachen University taucht in dem Fall auf. Die Hochschule bestätigt, dass ein Wissenschaftler zwischen 2020 und 2023 zwei Onlinevorträge gehalten hat. Der Forscher selbst gilt nicht als tatverdächtig.
Zu naiv im Hinblick auf Wissenschaftsspionage?
Kai-Uwe Schröder, Professor für Strukturmechanik und Leichtbau sowie Rektoratsbeauftragter für China an der RWTH Aachen, sagt, in den Vorträgen seien "keine wichtigen Informationen", sondern "allgemein öffentlich zugängliche" Inhalte geteilt worden. Trotzdem sei das Ziel der Hochschule klar: solche Vorfälle möglichst schon im Vorfeld verhindern.
Der Verfassungsschutz warnt seit Jahren davor, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen Ziele ausländischer Nachrichtendienste sind. Gerade in der Wissenschaft werde die Gefahr durch Spionage oder Sabotage teils noch unterschätzt.
Kai-Uwe Schröder widerspricht dieser Einschätzung zumindest für die RWTH Aachen. Forschende würden sensibilisiert, außerdem gebe es IT-Sicherheitsstandards und klare Vorgaben im Umgang mit internationalen Kooperationen.
"Der RWTH ist das Risiko sehr wohl bewusst. Deswegen werden die Menschen hier sehr stark dafür sensibilisiert."
Gleichzeitig betont Schröder aber auch einen Zwiespalt: Eine Universität sei eben "kein Hochsicherheitstrakt". Wissenschaft lebe davon, Erkenntnisse zu teilen. Nicht jede Einladung zu einem Vortrag oder einer Konferenz sei automatisch verdächtig. Gerade in der Forschung gehörten internationale Kooperationen zum Alltag, für Deutschland sei der Austausch auch wichtig, so der Wissenschaftler, vor allem in den Bereichen, in denen China weit vorn sei. Das seien vor allem die sogenannten Zukunftstechnologien wie Batterie und Windenergie sowie autonomes Fahren.
Spionage mit "Low-Level-Agenten"
Doch wenn laut RWTH keine geheimen Informationen geteilt wurden: Warum ist der Fall dann überhaupt brisant? Luca Manns von der Forschungsstelle Nachrichtendienste an der Universität zu Köln erklärt, dass Spionage in diesem Bereich oft anders funktioniere, als im Film.
"Spionage läuft nicht ab wie bei James Bond. Sie möchte leise sein. Sie möchte Informationen sammeln, ohne entdeckt zu werden, ohne auch die Enttarnung der Ziele zu riskieren. Und China macht das sehr gut."
Es gehe häufig nicht um das eine geheime Dokument, sondern um viele kleine Informationen. Ein Vortrag hier, ein Gespräch dort, persönliche Kontakte, Reisen, gemeinsame Abendessen. All das könne Teil einer Strategie sein.
Luca Manns beschreibt Wissenschaftsspionage als eine Art "Massengeschäft". Personen würden zunächst "angefüttert". Ein Onlinevortrag sei dabei eher die niedrigschwellige Variante. Noch interessanter sei es aus Sicht möglicher Nachrichtendienste, Forschende direkt nach China einzuladen.
Dort, sagt Luca Manns, seien Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler außerhalb ihres gewohnten Umfelds – und damit auch außerhalb der deutschen Spionageabwehr. Vielleicht werde dann bei einem Abendessen doch etwas mehr erzählt – etwa bei einem Glas Wein. Außerdem könnten Reisen nach China weitere Risiken bergen: etwa die Durchsuchung von Geräten oder das Sammeln zusätzlicher Daten.
"China versucht, ein Puzzle zusammenzusetzen aus vielen kleinen Mosaiksteinchen."
Warum China sich für deutsche Forschung interessiert
"China hat sich das Ziel gesetzt, bis 2049 globale Wirtschaftsmacht Nummer eins zu werden", erklärt Luca Manns. Dafür brauche das Land Hochtechnologien – etwa im Bereich Motoren, Antriebssysteme, Radar oder Materialforschung. Und genau dort seien deutsche Unternehmen und Hochschulen international führend.
Viele Technologien hätten zudem einen sogenannten Dual-Use-Charakter. Das bedeutet: Entwicklungen für zivile Zwecke könnten später auch militärisch genutzt werden. Ein Antriebssystem für Fahrzeuge könne beispielsweise auch für Panzer oder U-Boote interessant werden. Gerade deshalb seien Forschungsergebnisse aus Deutschland für China relevant.
Spionage aus China – lange Zeit unterschätzt
Laut Luca Manns hat Deutschland die Gefahr durch chinesische Einflussnahme und Spionage lange unterschätzt. Während nach der Krim-Annexion 2014 der Blick stärker auf Russland gerichtet gewesen sei, habe China in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft lange vor allem als wichtiger Partner gegolten.
"Ganz Deutschland war im Grunde lange Zeit nicht vorbereitet. China galt lange als großer Handelspartner."
In Unternehmen hätten Sicherheitsabteilungen inzwischen klare Regeln eingeführt, etwa was Reisen oder Kooperationen angehe. Universitäten funktionierten allerdings anders. Luca Manns erklärt: "Professorinnen und Professoren entschieden oft selbst, wen sie einladen, mit wem sie kooperieren oder wo sie Vorträge halten." Deshalb komme es nicht nur darauf an, dass Hochschulen Sicherheitsinformationen bereitstellen. Forschende müssten diese Warnungen auch ernst nehmen.
Zugleich sei das Thema sensibel. Denn niemand wolle internationale Kooperationen pauschal unter Verdacht stellen oder Forschende aus China diskriminieren.
Zwischen Offenheit und Sicherheit
Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich Hochschulen derzeit. Einerseits sollen sie Forschung schützen. Andererseits lebt Wissenschaft von Offenheit und internationalem Austausch. In diesem Sinne gibt Kai-Uwe Schröder von der RTWH Aachen zu bedenken: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht mit einem Vorschlaghammer sehr viel kaputt machen. Wir könnten natürlich jegliche Kooperation mit China einstellen, müssten uns dann aber auch bewusst sein, dass wir bei einem Großteil der Zukunftstechnologien den Anschluss verlieren werden."