Visible MendingSichtbar geflickt – Reparaturen als Hingucker
Viele werfen lieber weg statt zu reparieren und füllen ihre Schränke mit Fast-Fashion-Schnäppchen. Visible Mending – sichtbares Flicken von Kleidung – wirkt da wie ein politischer Akt: Wir nehmen uns Zeit, um selbst Einzigartiges zu kreieren.
Auch wenn es nicht nachhaltig ist, überzeugt uns oft der günstige Preis, massenproduzierte Kleidung zu kaufen oder unsere Wohnungen mit Billigmöbeln aus Einrichtungsketten auszustatten. Kaum jemand nimmt mehr Nadel und Faden in die Hand, um ein Loch in einem T-Shirt zuzunähen.
Lohnt es sich, Löcher zu stopfen?
Die Skills fehlen, und es zum Änderungsschneider zu bringen, ist in der Regel genauso teuer wie ein neues T-Shirt zu kaufen. Zudem wechseln sich die Trends derart schnell ab, dass wir der Lust auf etwas Neues oft kaum widerstehen können – zumal das Überangebot an Fast Fashion für dauerhaft niedrige Preise sorgt.
"Jede Reparatur ist irgendwie so eine kleine Revolution gegen diesen Wegwerfwahn, in dem wir leben. Und das ist es wert, es auszuprobieren."
Massenproduzierte Kleidung schafft auch eine Gleichförmigkeit und lässt wenig Individualität zu. Dabei ist Mode auch die Chance, sich auszudrücken – nach außen zu zeigen, wer man ist. Neu, clean, stromlinienförmig und austauschbar – dieser Trend der letzten Jahrzehnte hat inzwischen in unterschiedlichen Lebensbereichen Gegentrends erzeugt: Shabby Chic, die Liebe zu Vintage-Pieces, Wabi-Sabi, Kintsugi und Sashiko.
Wunsch nach Authentizität
- Wabi-Sabi steht für die Schönheit des Unvollkommenen, zum Beispiel in der Töpferkunst.
- Kintsugi ist eine Technik, zerbrochenes Porzellan zu kleben und die Bruchstellen mit Goldfarbe hervorzuheben.
- Sashiko ist eine raffinierte, geometrischen Formen folgende Nähtechnik zur Reparatur und Verzierung von Kleidung.
Perfektion langweilt uns zunehmend. Unebenheiten, Asymmetrien und kalkulierte Ungenauigkeiten wirken überraschend und dadurch aufregend. Egal, ob beim Geschirr oder bei der Kleidung.
"Ich finde, in Zeiten von Super Fast Fashion ist es viel wertvoller, sich für eine Reparatur Zeit zu nehmen, als zum Beispiel etwas Neues zu kaufen."
Wie befriedigend es sein kann, selbst etwas zu nähen oder einem Second-Hand-Gegenstand durch ein paar Handgriffe eine neue Funktion zu verleihen, sehen viele von uns täglich auf Reels in den sozialen Medien. Das macht neugierig und weckt die Lust, selbst ein DIY-Projekt zu starten.
Doch ganz ohne Anleitung geht es (meistens) nicht: Entweder wir suchen uns das passende Tutorial auf Youtube heraus oder besuchen wie Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Yeşim Ali Oglou den Workshop eines textilen Repaircafés in Mülheim an der Ruhr. Auf dem Plan steht an diesem Tag: "Visible Mending – kunstvolles Sockenstopfen".
Zufriedenheit durch selbst gestaltete Unikate
Teilnehmerin Fine hat löchrige Socken mitgebracht, an denen sie sehr hängt, denn eine Freundin hat ihr das selbst gestrickte Paar geschenkt. Unsichtbares Reparieren findet die Workshopleiterin nicht so erfüllend wie das Besticken von rissiger oder löchriger Kleidung mit bunten Farben und lustigen Motiven. Deswegen ist sie auf die Idee gekommen, ihre Stopf- und Sticktechniken in Workshops auch anderen nahezubringen.
"Durch den Akt des Stopfens ist da eine Art Wertschätzung, die man auch sehen darf. Es ist auch eine Kunstform. Danach hat man den Socken eigentlich viel mehr lieb – er gewinnt an Wert."
Für Fine hat das Stopfen ihrer Lieblingssocken, die sie so lange wie möglich erhalten möchte, viel mit Achtsamkeit und Wertschätzung gegenüber dem Handwerk zu tun. Workshop-Teilnehmerin Ariane geht noch einen Schritt weiter – für sie ist es Ausdruck ihrer politischen Haltung. Durch das Visible Mending werde sichtbar, wie viel Arbeit auch dahintersteckt, sagt sie.
Achtsamkeit, Wertschätzung – und Ausdruck einer politischen Haltung
Nähen und die Reparatur von Kleidung sei allgemeinhin sehr weiblich konnotiert, sagt Ariane. Diese Tätigkeiten werden im Haushalt oft von Frauen ausgeführt und bleiben in der Regel unsichtbar, weil es lange die Norm war, Reparaturen möglichst unauffällig vorzunehmen. Indem die Reparaturen sichtbar, also sozusagen öffentlich gemacht werden, setze man dadurch auch ein Statement, sagt Ariane.
"Das hat für mich schon eine politische Dimension, eben das auch nach außen zu tragen,"