Vorzeitiger SamenergussWas tun, wenn's zu schnell geht?

Es ist ein Thema, das viele meiden, obwohl es viele betrifft: vorzeitiger Samenerguss. Schätzungen zufolge erleben zwanzig bis dreißig Prozent der Männer zumindest zeitweise, dass sie früher kommen, als sie oder ihre Partner*innen es möchten. Trotzdem suchen nur wenige medizinische Hilfe.

Christer Groeben ist Facharzt für Urologie an der Uniklinik Heidelberg und erklärt, wann von einem vorzeitigen Samenerguss gesprochen werden kann. "Rein technisch ist es der Fall, wenn er innerhalb von zwei bis drei Minuten nach Beginn des Geschlechtsverkehrs passiert."

Doch so einfach sei das nicht, denn es komme vor allem auf den Leidensdruck an, der daraus für den Mann oder die Partner*in entsteht. Wer eine fachärztliche Praxis aufsucht, werde daher erst mal Fragebögen ausfüllen, um herauszufinden, wie belastend die Situation ist.

"Es gibt Situationen, wo eine sexuelle Handlung relativ schnell läuft und beide damit zufrieden sind. Und es gibt andere Situationen, wo das als störend oder enttäuschend erlebt wird."
Christer Groeben, Urologe

Die Ursachen für vorzeitige Ejakulation sind noch nicht vollständig erforscht. Laut Groeben können sowohl körperliche als auch psychische Faktoren eine Rolle spielen. Manche Fälle seien "erworben", etwa durch Infektionen im Urogenitalbereich. Andere Männer seien möglicherweise von Geburt an anfälliger.

Bei der Behandlung wird auf Medikamente oder Psychotherapie gesetzt, erklärt Christer Groeben. Zur Selbsttherapie gibt es auch Apps. Eine davon hat der Urologe wissenschaftlich untersuchen lassen.

Wie Selbsttherapie per App abläuft

Die App kostet 300 Euro und besteht aus zwölf Modulen, die Nutzer Schritt für Schritt durchlaufen, erklärt der Facharzt. Zunächst gehe es darum, Wissen zu vermitteln: Was passiert eigentlich im Körper? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Danach folgen praktische Übungen.

"Es geht darum, Techniken zu erlernen, wie man in der Situation damit umgehen kann, aber auch darum, längerfristig ein besseres Körpergefühl zu entwickeln."
Christer Groeben, Urologe

"Der Nutzer lernt, körperliche Reize und Signale besser wahrzunehmen, die kurz vor dem Orgasmus auftreten." Dazu gehören Atem- und Entspannungsübungen sowie Techniken, mit denen sich der Erregungszustand bewusster steuern lassen soll.

Unterschätzter Faktor: Offenheit mit Partner*in

Im letzten Modul werden Partner*innen einbezogen. Betroffene sollen gemeinsam mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner ausprobieren, was hilft – und vor allem anfangen, darüber zu sprechen. Denn das sei oft die größte Hürde, sagt Christer Groeben: "Es gibt häufig eine Kommunikationsbarriere zwischen den Beteiligten." Die zu überwinden, könne schon ein wichtiger Schritt sein, um wieder entspanntere Sexualität erleben zu können.