Wahl in RusslandWer kämpft noch gegen Putin?
Der Ausgang der Wahlen in Russland ist klar – Putins Regierung wird an der Macht bleiben. Die Opposition im Land ist schwach. Aber im Ausland formiert sich russischer Widerstand. Wie gefährlich kann das für Putin werden?
Menschen, die Russlands Präsident Wladimir Putin gefährlich werden könnten, wurden in den vergangenen Jahren mundtot gemacht, festgenommen oder sogar getötet. Bekanntester Fall: Alexej Nawalny, der 2024 in russischer Haft starb.
Internationale Beobachter und auch die deutsche Bundesregierung gehen davon aus, dass Nawalny vergiftet wurde. Seine Frau, Julija Nawalnaja, lebt im Exil und unterstützt die Opposition von dort aus.
Auch der Oppositionelle Ilja Jaschin war ein enger Vertrauter Nawalnys. Er saß von 2022 bis 2024 in Russland im Gefängnis, kam dann im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei und wurde gegen seinen Willen außer Landes gebracht. Heute lebt er in Berlin.
Der Versuch, Putins Macht aus dem Exil ins Wanken zu bringen
Berlin ist inzwischen für einige russische Oppositionelle zum Ausgangspunkt ihrer politischen Arbeit geworden. Einer von ihnen ist Ivan Hampel. Er hat viele Jahre in Russland gelebt. Nach Ausbruch des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist er in seine Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt. Seit 2024 arbeitet er als persönlicher Assistent für Ilja Jaschin.
Im Sommer 2026 haben die beiden die Exilpartei "Friedliches Russland" gegründet.
Eine Partei, obwohl sie in Russland gar nicht antreten kann – und obwohl politische Opposition dort kaum noch möglich ist. Warum dieser Schritt? Ivan Hampel begründet ihn so: "Was tatsächlich fehlt in der russischen Opposition, ist eine große, legitime Organisation, die für jedermann zugänglich ist."
Keine Oppositionsarbeit in Russland mehr möglich
In Russland sei es inzwischen so gut wie unmöglich, Mitglied einer oppositionellen Partei zu werden. "Klassische Parteiarbeit mit Stadt- und Landesverbänden, regelmäßigen Versammlungen kennen die Russen kaum noch, weil es ja keine legale Opposition gibt", führt Ivan Hampel weiter aus.
Der Oppositionelle kritisiert die russische Regierung sowohl für die schlechte wirtschaftliche Lage, in die sie das Land gebracht habe, vor allem aber für den Angriffskrieg gegen die Ukraine.
"Unser Ziel ist das Ende des Krieges und die Integration Russlands in eine normale Weltordnung."
Doch der Einfluss der Exil-Opposition ist gering
Wenn Ivan Hampel seine Kritik in Russland äußern würde, liefe er mit großer Sicherheit Gefahr, verhaftet zu werden. "Auch im Exil gab es Fälle von Repressionen", sagt er. "Doch die sind eher selten." Ivan Hampel sagt, er fühle sich bisher sicher. Seiner Einschätzung nach liegt es daran, "dass man im Exil nicht so großen Einfluss hat, wie wenn man im Land selbst ist."
Konkret bedeutet das auch, dass eine im Exil gegründete Partei nicht an Wahlen teilnehmen kann.
"Wir können keine Kampagnen führen und vor allem nicht die Leute vor Ort erreichen. Das ist das Dilemma der russischen Opposition."
Ivan Hampel setzt jedoch darauf, dass die Arbeit im Exil eine Art Vorbereitung sein könnte: "Sobald es eine Chance gibt, etwas zu verändern, könnten konkrete Vorschläge und Reformen vorliegen."
Den russischen Staat und die russische Verfassung komplett neu aufzubauen – das wäre quasi Ivans Traumvorstellung. Die Realität ist aber: Putin und die ihm nahestehenden Parteien bestimmen, was in Russland passiert. Vom 18. bis 20. September 2026 finden die Wahlen zur Duma statt, also zu einem Teil des russischen Parlaments.
Journalistin: Wahlen bedeuten nicht automatisch Demokratie
Sabine Adler berichtet seit Jahren über Osteuropa und Russland und war dort auch als Korrespondentin tätig. Derzeit beobachtet sie die Wahlen intensiv – aus dem Ausland. Denn nach Russland einzureisen, wäre Stand jetzt für sie zu gefährlich.
"Ich würde sicherlich Gefahr laufen, am Flughafen direkt festgenommen oder zumindest festgehalten zu werden, wegen meiner kritischen Berichterstattung über Russland."
Sabine Adlers Sicht ist eindeutig: Das Wahlergebnis stehe schon vor der Wahl fest: "Es ist sozusagen vorgegeben."
Dass die Wahlen dennoch stattfinden, hat laut der Journalistin zwei Gründe. Nach außen könne gesagt werden: Wir haben auch Wahlen, sind also demokratisch. "Nach innen ist die Wahl ein ganz wichtiger Test dafür, ob der Repressionsapparat funktioniert", erklärt die Journalistin.
Als Beispiel nennt Sabine Adler Berichte aus den durch Russland besetzten Gebieten der Ukraine, wo die Wahlen bereits begonnen haben.
"Wir kriegen Berichte, dass bewaffnete Soldaten mit der Wahlurne in der Hand Menschen anhalten und sie quasi nötigen, an Ort und Stelle zu wählen."
Derzeit gibt es eine Oppositionspartei in Russland, sagt Sabine Adler. Die Partei Yabloko war zunächst zu den Duma-Wahlen zugelassen – was an sich schon für Schlagzeilen gesorgt hatte, sagt die Journalistin.
Journalistin: Machtstrukturen könnten über Putin hinaus bestehen bleiben
Doch als die Konkurrenzparteien in der Duma befürchteten, dass Yabloko zu viele Stimmen bekommen könnte, seien die Parteien vor Gericht gezogen und hätten nach Gründen gesucht, weshalb Yabloko nun nicht mehr zugelassen ist. "Und das obwohl der Partei allerhöchstens 10 Prozent zugesprochen wurden. Doch schon das hat den anderen Parteien missfallen", so Sabine Adler.
Die Rolle der Opposition im Ausland sieht Sabine Adler als wichtig an – vor allem, wenn es um eine Zeit nach Putin geht. "Das ist eine wichtige Arbeit", resümiert die Journalistin.
Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, dass es ihrer Einschätzung nach keine Opposition schaffen wird, das System zu stürzen. Und damit meint Sabine Adler nicht nur Putin: "Russland ist ein Konglomerat aus Wirtschaft, politischer Macht, Polizei, Nationalgarde, Armee und Geheimdiensten. Das ist eine Macht, die so verquickt ist, dass es vollkommen utopisch für eine Opposition im Ausland ist, das aufzubrechen."
Daher lautet ihre Perspektive für Russland nach Putin so: "Entweder es kommt zu einem Kampf in diesem großen Machtapparat oder die nächste Generation setzt die derzeitige Machtausübung fort."