WestjordanlandDer schwere Vorwurf gegen Israels Armee
Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza hat sich auch im Westjordanland die Lage massiv verschärft: Razzien, Festnahmen, Einsätze gegen mutmaßliche Terroristen. Dabei sterben immer wieder auch Kinder und Jugendliche. Menschenrechtler sagen: Die Verantwortlichen werden zu selten bestraft.
UNICEF und die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem schlagen Alarm. Und auch die Vereinten Nationen dokumentieren eine massive Zunahme der Gewalt gegen Kinder in den palästinensischen Gebieten. Jan-Christoph Kitzler ist ARD-Korrespondent im Studio Tel Aviv. Er berichtet über Israel und die palästinensischen Gebiete und wollte wissen, was an diesen Vorwürfen dran ist. Bei seiner Recherche ist er auf die Geschichte von Layla gestoßen und hat ihre Familie in einem kleinen Ort im Westjordanland besucht.
Die Familie – also Großeltern, Töchter und Enkelkinder – wohnt gemeinsam in einem Haus. Jan-Christoph Kitzler sagt, man sehe in diesem Haus sofort, dass hier nicht alles normal sei: "Ich bin in den ersten Stock gegangen. Und da sieht man die Spuren dessen, was da passiert ist, nämlich Einschusslöcher, und das beschäftigt die Familie bis heute."
"Das war am 25. Januar letztes Jahr [2025, Anm. d. Red.], aber das beschäftigt die Familie und auch den Großvater noch immer sehr, denn da ist was furchtbares passiert, da ist seine Enkeltochter Layla getötet worden, zwei Jahre war die damals alt."
Jan-Christoph Kitzler sagt, der Großvater, ein 58 Jahre alter Lehrer wirke sehr reflektiert, während er erzählt, was damals geschehen ist: "Wir hörten Schüsse – meine Frau und ich. Wir saßen hier, meine Töchter vor uns. Und ich sagte zu meinen Töchtern, sie sollen hineingehen. Und meine Frau und ich gingen in das andere Zimmer, um nachzusehen, was los war. In diesem Moment begannen die Schüsse. Meine Frau und ich, wir gingen nach unten. Man kann die Einschusslöcher noch sehen. Wir hörten meine Tochter schreien, Layla, Layla. Und als wir das Zimmer betraten, da fanden wir Layla mit einer Kopfwunde vor. Sie blutete stark." Als Layla dann ins Krankenhaus kam, konnten die Ärzte nur noch ihren Tod feststellen.
Schnelle Erklärung, aber nichts passiert
Die israelische Armee habe damals sehr schnell eine Erklärung abgegeben, in der es hieß: 'Wir gehen dem Fall nach'. Die Soldaten seien davon ausgegangen, dass sich in dem Haus von Layla und ihrer Familie mehrere bewaffnete Terroristen verschanzt hätten. "Warum die dann das Feuer eröffnet haben, obwohl aus dem Haus, in dem Layla gewohnt hat, gar nicht geschossen wurde, das ist weiter unklar", sagt Jan-Christoph Kitzler.
Als der Großvater im Januar 2025 auf die Straße kam, sei er schockiert gewesen über die Anzahl an Soldaten und Panzern, die er dort angetroffen habe. Und er habe dann auch einen Soldaten zur Rede gestellt und gefragt, warum sie denn überhaupt geschossen hätten? Die Antwort: 'I'm sorry' - Es tue ihm leid.
"Die israelische Armee sagt, die Untersuchung läuft immer noch. Das heißt also, Aufklärung ist da nicht die allerhöchste Priorität."
Jan-Christoph Kitzler hat im Fall der zweijährigen Layla noch einmal bei der israelische Armee nachgefragt. Er bekam als Antwort: Der Fall werde immer noch untersucht – rund anderthalb Jahre später. Und in einer neuen Stellungnahme stehe: 'Man bedauere jeden Schaden an unbeteiligten Individuen, untersuche jeden Vorfall gründlich'. "Und dann heißt es, und das ist ja vielleicht so eine Art von Eingeständnis, es habe sich um ungenaue nachrichtendienstliche Informationen gehandelt. Also diese Information, dass da Terroristen waren, die stimmte ganz offensichtlich nicht und da sind die Soldaten sozusagen falsch informiert gewesen", berichtet unser Korrespondent in Israel.
Aussagen, die sich widersprechen
In der Stellungnahme sind ihm außerdem zwei Aussagen aufgefallen, die sich widersprechen. "Erstens heißt es, keiner der beteiligten Soldaten habe ein ethisches Fehlverhalten an den Tag gelegt. Und andererseits heißt es eben, die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Also es gibt kein Fehlverhalten, trotzdem wird weiter untersucht, irgendwie passt das nicht so richtig zusammen", sagt Jan-Christoph Kitzler.
Vorwürfe gegenüber Israel
Die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem sammelt Informationen zu solchen Fällen und sagt: Seit dem 7. Oktober 2023 sind im Westjordanland mehr als 200 Minderjährige durch israelische Sicherheitskräfte getötet worden. Die Organisation wirft Israel vor, dass diese Todesfälle viel zu selten aufgeklärt würden und kaum Konsequenzen hätten.
Unser Korrespondent sagt, auch im Gazastreifen werden immer wieder Minderjährige getötet: "Es gibt jetzt einen Bericht von einer unabhängigen UN-Kommission. Da heißt es, es gibt seit dem 7. Oktober mehr als 21.000 getötete Minderjährige. Also, etwa 30 Prozent aller Todesopfer im Gazastreifen sind Minderjährige."
Allerdings unterscheidet sich die Situation im Gazastreifen, denn dort herrscht Krieg. Im Westjordanland hingegen spreche man von einer Besatzungssituation. "Da hat sich natürlich auch vieles verschärft seit dem 7. Oktober, weil auch dort die Sicherheitslage angespannt ist", so Jan-Christoph Kitzler, "Minderjährige sterben in der Regel bei Dingen, die mit der Besatzung zu tun haben. Bei Gewalt durch jüdische Siedler zum Beispiel, aber auch eben bei Einsätzen von Soldaten in dieser Besatzung."
Viele Todesfälle – Kaum Untersuchungen
Unser Korrespondent Jan-Christoph Kitzler hat auch den Sprecher der Organisation B'Tselem interviewt. Er sagt, die Fälle von getöteten Minderjährigen würden kaum untersucht. Es gebe nur ganz selten Berichte darüber, etwa wenn ein Fall wirklich an die Öffentlichkeit gelange und zu einem Skandal werde, dass dann Soldaten kurz festgesetzt würden. "Aber – das ist auch meine Erfahrung – jetzt in den letzten Jahren, dass da Soldaten tatsächlich mal für lange ins Gefängnis gehen, dass es ordentliche Verfahren gibt, in denen auch Fehlverhalten bestraft wird, das kommt in der Regel nicht vor", so unser Korrespondent.
"Es gibt Kinder, die werden auf dem Schulhof getötet, weil die Armee gerade in das Dorf einrückt. Es gibt andere Fälle, da muss man dazu sagen, da haben vielleicht Minderjährige dann Steine in der Hand und die werden dann als Terroristen behandelt und erschossen."
Die Organisation B'Tselem kommt zu dem Schluss, dass die Tötungen von Minderjährigen systematisch sind – auch wenn sie auf unterschiedliche Art und Weise passieren. Dafür spreche die hohe Zahl der Opfer, aber auch die Tatsache, dass es im gesamten Gebiet des Westjordanland passiere. Auch unser Korrespondent beobachtet das: "Es gibt gewalttätige Siedler, die Gewaltakte verüben und die in der Regel von den Soldaten nicht in die Schranken gewiesen werden. Es gibt Palästinenser, die keine Rechte haben oder nur wenige Rechte, die entmenschlicht werden. Und dann gibt es eben Soldaten und Sicherheitskräfte, die, wenn Gewaltakte gegen Palästinenser geschehen, entweder daneben stehen oder sich selbst daran beteiligen."
Es gebe Fälle, in denen Minderjährige Steine oder gar eine Waffe in den Händen hielte und die dann wie Terroristen behandelt und erschossen würden, berichtet Jan-Christoph Kitzler. Aber es gebe eben auch viele Fälle, wie den von Layla. Wo unschuldige Kinder getötet werden.
Die Gefahr von palästinensischen Terrorgruppen im Westjordanland sei derzeit als gering einzustufen. Etwas anderes spiele hingegen eine weitaus größere Rolle, so der Korrespondent: "Das, was wir zurzeit im Westjordanland erleben, was seit Monaten, vielleicht sogar Jahren jetzt dort den Alltag prägt, das ist eher Terrorismus von jüdischer Siedlerseite, der dazu führt, dass es eben viel Gewalt an Palästinensern gibt." Gewalt, die von Sicherheitskräften toleriert und von einer in Teilen rechtsextremen israelischen Regierung bisweilen sogar unterstützt werde.